Die Sucht nach Erklärungen und wie wir nicht auf scheinbare Antworten hereinfallen
Veröffentlicht am: 28.05.2026 von Jan Göritz
Veröffentlicht am: 28.05.2026 von Jan Göritz
Erklären Sie mir genau, wie ein Reißverschluss funktioniert. Nicht ungefähr, sondern genau, Schritt für Schritt.
Die meisten Menschen scheitern daran. Das Merkwürdige daran ist, dass sie sich eben noch sicher waren, es zu wissen.
Psychologen nennen das die „Illusion der Erklärungstiefe“. Wir verwechseln demnach Vertrautheit mit Verständnis. Wir denken: „Das kenne ich, also weiß ich auch, wie es funktioniert.“
Und weil dieser Irrtum uns so leicht passiert, passiert er quasi überall. Beim Reißverschluss, bei der Fußball-Nationalmannschaft und bei uns selbst. Letzteres passiert sogar ziemlich häufig.
Das menschliche Gehirn ist eine Maschine, die Erklärungen für alles Mögliche findet. Es sucht ununterbrochen nach Mustern, nach Ursachen, nach Zusammenhängen. Und wenn es keine findet, erfindet es kurzerhand welche.
„Das ist doch Blödsinn“, könnte man denken, doch evolutionär betrachtet ist das kein Fehler. Denn wenn es früher im Busch neben einem geraschelt hat, war im Zweifel keine Zeit für eine ausführliche Analyse. Schnelle Schlussfolgerungen retteten also Leben. Unser Denksystem ist nicht auf Genauigkeit, sondern auf Geschwindigkeit optimiert.
Was dabei herauskommen kann, zeigen Experimente mit Split-Brain-Patienten, also Menschen, deren Gehirnhälften chirurgisch getrennt worden sind.
Wenn der rechten Hälfte ein Bild gezeigt wurde und die linke daraufhin eine Handlung ausführte, erfand die linke Hälfte sofort eine Erklärung dafür, obwohl sie das Bild nie gesehen hatte.
Unser Gehirn improvisiert lieber, als zuzugeben, dass es nichts weiß.
Der Zweifel ist kein angenehmer Zustand, aber die Gewissheit ist ein lächerlicher. (Voltaire)
Der Psychiater Paul Watzlawick hat in seinem Vortrag „Wenn die Lösung das Problem ist“ noch ein anderes Experiment beschrieben, das das Phänomen noch deutlicher macht:
Der Versuchsperson werden nacheinander verschiedene Zahlenpaare vorgelesen. Sie soll entscheiden: Passen diese zwei Zahlen zusammen oder nicht? Wenn die Person antwortet, sagt der Experimentator „richtig“ oder „falsch“. Was die Versuchsperson nicht weiß, ist, dass das Feedback keiner echten Regel folgt. Es ist willkürlich vorher festgelegt.
Trotzdem erfindet die Versuchsperson Muster, verwirft sie, erfindet neue. Vielleicht sind ungerade Zahlen zusammen, vielleicht die, die sich zu zehn addieren. Nach vielen Versuchen hat sie eine vermeintlich tragfähige Theorie.
Sie besteht darauf, dass sie das Muster gefunden hat. Sie ist selbst dann überzeugt davon, wenn ihr mitgeteilt wird, dass das Feedback einer vorher festgelegten Reihenfolge von „richtig“ und „falsch“ gefolgt ist.
Man kann also sagen, dass sich unser Gehirn manchmal selbst anlügt. Kurt Krömer hat einem seiner Bücher den Titel „Glaub nicht alles, was du denkst“ gegeben.
Das sollten wir uns immer wieder bewusst machen, wenn unser Gehirn wieder mit Erklärungen um die Ecke kommt.
Erklärungen dafür zu haben, was wie und warum passiert ist, gibt uns das gute Gefühl von Kontrolle. Unser Gehirn denkt: „Wenn ich weiß, warum etwas passiert ist, kann ich es beim nächsten Mal vorhersehen und mich darauf vorbereiten.“ Dahinter steckt der Irrglaube, das kontrollieren zu können, was man versteht.
Aber selbst der beste Urologe muss irgendwann Wasser lassen. Wir glauben, eine Erklärung zu brauchen, weil sich Nicht-Wissen unerträglich anfühlt. Da offenbart sich eine Kontroll-Lücke, die geschlossen werden muss. Möglichst schnell und fast egal, womit. Denn unser Gehirn verwechselt Verstehen mit Kontrolle.
Horoskope in der Tagespresse oder Klatschzeitschriften sind dafür ein gutes Beispiel. Sie sind bekanntermaßen so formuliert, dass sie auf fast jeden zutreffen könnten. Und trotzdem fühlen sich Millionen Menschen persönlich angesprochen und erkannt. Deshalb verfangen sich die Inhalte von Horoskopen doch relativ häufig in unseren Köpfen.
Unser schnelles Denken arbeitet automatisch, mit wenig Aufwand und wir können es kaum abstellen. (Daniel Kahneman)
Verschwörungstheorien funktionieren nach derselben Logik, nur in größerem Maßstab. Sie bieten einfache Antworten auf meist chaotische Ereignisse wie beispielsweise ein Attentat oder Corona.
Solche Ereignisse lassen sich häufig leichter ertragen, wenn es irgendwo einen Schuldigen, einen „Feind“ gibt. Dann haben wir etwas, das wir bekämpfen können, und erliegen der Illusion, Kontrolle zu haben.
Häufig läuft es ja so: unser Gehirn läuft, bis scheinbar alle Puzzleteile ineinander passen. Dann setzt es einen Haken dahinter und wendet sich neuen Themen zu.
Manchmal ist unser Gehirn jedoch ein wenig überambitioniert. Dann hilft es mit der Schere nach, um die Teile passend zu machen. Das bedeutet, es passen zwar alle Teile ineinander, aber das Bild entspricht nicht dem Motiv, also der Wahrheit.
So übersehen wir regelmäßig Dinge, manchmal sogar elementare Dinge.
Ein Beispiel, das wir wahrscheinlich alle kennen, ist dieses: wir lesen ein Buch oder einen Artikel oder hören einen Podcast und erkennen uns in einigen Sätzen wieder. Da stellt sich manchmal ein Gefühl ein, das sagt: „Jetzt hast du dich aber so richtig tief verstanden.“
Und da wird es schwierig, denn wie oben erwähnt, setzt unser Gehirn einen Haken: „Das ist fertig, hier gibt es nichts mehr zu tun.“
Das ist verständlich, denn unser Gehirn möchte schließlich Energie sparen. Aber abhaken kann man, genau genommen, nur bei Faktenwissen: Vokabeln, Geschichtsdaten, mathematische Formeln etc.
Ich weiß, dass ich nichts weiß. (Sokrates)
Wir selbst sind jedoch in einer permanenten Entwicklung. Da gibt es nichts abzuhaken.
Hin und wieder passiert es, dass mir ein Klient oder eine Klientin im Vorgespräch gegenübersitzt und nicht nur das Problem mitbringt, sondern auch noch die Erklärung dafür, warum dieses Problem überhaupt da ist.
Das ist nach meiner Beobachtung eine der hartnäckigsten Fallen bezüglich Therapie: ein Mensch, der schon weiß, warum er so ist, wie er ist. Diese Erklärung schützt ihn häufig davor, wirklich hinzuschauen.
In dem oben erwähnten Vortrag von Paul Watzlawick „Wenn die Lösung das Problem ist“ beschreibt er anhand mehrerer Beispiele, wie leicht wir Menschen scheinbaren Erklärungen auf den Leim gehen.
Auch aus meiner Praxis kenne ich dieses Phänomen.
„Herr Göritz, ich weiß nicht, was ich machen soll. Warum sind alle meine Partnerinnen schon nach kurzer Zeit so distanziert und machen dann irgendwann Schluss?“
Herr Meyer sitzt mir sichtlich geknickt gegenüber. Vor wenigen Wochen hat ihn wieder mal eine Frau verlassen. Meistens verlaufen seine Beziehungen in ähnlichen Bahnen: Die heiße Verliebtheitsphase kühlt relativ schnell ab. Die Frau zieht sich mehr und mehr zurück und beendet die Beziehung irgendwann.
Mit seinen 34 Jahren ging die längste Beziehung, die Herr Meyer geführt hat, über 15 Monate.
„Manchmal ist es ja so“, beginne ich vorsichtig, um ihn nicht zu verlieren, „dass, wenn mir immer wieder Geisterfahrer begegnen, in Wirklichkeit ich der Geisterfahrer bin.“
„Wollen Sie mir etwas sagen, dass ich schuld bin?“, erbost sich Herr Meyer.
„Nein, Herr Meyer, überhaupt nicht“, versuche ich zu beschwichtigen, „aber wenn der Sturm eines Fußballteams den Ball nicht über die Linie bekommt, sondern beispielsweise fünfmal Pfosten und dreimal Latte trifft und der Torhüter lässt in der 89. Minute einen Kullerball durch – wer hat dann Schuld an der Niederlage?“
Herr Meyer, der einen St.-Pauli-Pulli trägt, schaut mich einen Moment lang irritiert an, dann überlegt er und sagt: „Alle natürlich. Man gewinnt als Team und man verliert als Team!“
Ich schweige und schaue ihn lächelnd an. Nach einiger Zeit beginnt auch er zu lächeln.
Jetzt können wir uns der Frage annehmen, was der Anteil von Herrn Meyer am Scheitern seiner Beziehungen ist.
Sein bisheriges Narrativ, dass er einfach immer Pech hat, ist durchbrochen.
Menschen kommen mit einer fertigen Geschichte. Manchmal als Opfer, manchmal als Held. Je nachdem, was gerade gebraucht wird. Die Geschichte ist stimmig, hat Belege, und sie schützt uns davor, eine unbequemere Wahrheit anzuschauen.
Eine Theorie, die mit allem vereinbar ist, erklärt nichts. (Karl Popper)
Wer glaubt, sein Scheitern sei immer die Schuld anderer, lernt nichts. Wer jedes Missgeschick als Zeichen des Schicksals deutet, gibt Verantwortung ab. Und wer sich eine Erklärung für sein Leben gebaut hat, die ihn schützt, aber nicht stimmt, bleibt genau da stehen, wo er ist – manchmal jahrelang.
Bertrand Russell hat einmal geschrieben: „Der Fehler unserer Zeit ist, dass die Narren so selbstsicher sind und die Klugen so voller Zweifel.“
Na klar fühlt es sich gut an, wenn es so aussieht, als würde man keinen Fehler machen. Und ich will auch nicht darauf hinaus, dass man Fehler mit der Lupe suchen sollte.
Aber ich denke, dass in unserer immer komplexer werdenden Welt die Fähigkeit des konstruktiven Hinterfragens immer wichtiger wird. Und die schließt uns selbst mit ein.
Wir alle machen Fehler, und manche davon wären vermeidbar, wenn wir nicht eine so stabile Abwehr installiert hätten.
Manche Menschen opfern unbewusst das, was sie eigentlich bewahren möchten – Beziehungen zu Freunden, Familienangehörigen und sogar zur Partnerin oder zum Partner – nur damit sie auf dem Thron der Fehlerlosigkeit sitzen bleiben können.
Eine gute Erklärung ist immer überprüfbar. Alles andere sind Geschichten, die sich vielleicht gut anfühlen, weil sie uns in einem guten Licht dastehen lassen. Aber es sind nur Geschichten.
Der Fehler unserer Zeit ist, dass die Narren so selbstsicher sind und die Klugen so voller Zweifel. (Bertrand Russell)
Verschwörungserzählungen sind hier das Paradebeispiel: Jedes Argument gegen die Erzählung wird als weiterer Beweis gedeutet. Es bildet sich ein in sich geschlossenes System, dem mit Logik nicht mehr beizukommen ist.
„Ich weiß es nicht“ ist ein Satz, der vielleicht auf den ersten Blick nach Schwäche aussieht, aber sehr viel Stärke und Freiheit in sich trägt. Denn ein „ich weiß es nicht“ lässt Türen und Möglichkeiten offen.
In einer Welt, in der es immer öfter heißt „wenn du nicht für mich bist, bist du gegen mich“ ist ein „vielleicht ist es so, aber ich weiß es nicht“ fast so etwas wie ein Joker.
Vielleicht rebelliert unser Gehirn erstmal dagegen. Schließlich sind wir es nicht gewohnt, Fragen in unserem Kopf unbeantwortet zu lassen. Aber die daraus resultierende Entspannung, nicht auf alles eine Antwort wissen zu müssen, wird es überzeugen.
Herr Meyer hat erkannt, dass seine Erklärungen – die Frauen, mit denen er zusammen war, sind nicht beziehungsfähig – doch nicht der Wahrheit entsprechen.
In diesem Moment der Erkenntnis, als er sagte „man gewinnt als Team und man verliert als Team“ und dann der Transfer auf das Thema „Beziehungen“ stattfand, hat das Türen geöffnet und sofort für Entspannung gesorgt.
Anstatt EINE Erklärung zu haben, gab es auf einmal mehrere Möglichkeiten. Und es ging plötzlich auch nicht mehr um Schuld oder darum, wer recht hat. Es gab keinen Grund mehr, zu kämpfen.
Herr Meyer hat dann auch ganz andere Dating-Erfahrungen gesammelt. „Viel leichter, viel entspannter“ berichtete er irgendwann. Und obwohl ihm die passende Frau noch nicht über den Weg gelaufen ist, hat er das Vertrauen entwickelt, dass er sie schon treffen wird.
Wir können nichts dagegen tun, dass unser Gehirn bestrebt ist, Erklärungen zu finden.
Aber wir können lernen, auf die Bremse zu treten und unserem Gehirn nicht alles zu glauben, was es uns präsentiert.
Wir können lernen, an scheinbaren Erklärungen zu zweifeln und wir können lernen, den Mut aufzubringen, Fragen unbeantwortet zu lassen.
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Wir verwechseln Vertrautheit mit echtem Verständnis. Wir kennen Dinge dem Namen nach und glauben dabei, sie wirklich zu verstehen. Bis jemand uns bittet, sie Schritt für Schritt zu erklären. Das passiert nicht nur bei Alltagsgegenständen wie Reißverschlüssen oder Toilettenspülungen, sondern auch bei komplexen politischen Themen – und ganz besonders bei uns selbst.
Weil das Gehirn nicht auf Genauigkeit optimiert ist, sondern auf Geschwindigkeit. Es füllt Lücken lieber mit improvisierten Erklärungen, als zuzugeben, dass es etwas nicht weiß. Das Gefühl von Kontrolle und Verstehen ist dabei so angenehm, dass wir es regelmäßig mit Wahrheit verwechseln. Bei Horoskopen genauso wie bei Verschwörungstheorien.
Fragen Sie sich: Könnte ich diese Erklärung auch widerlegen? Eine gute Erklärung ist überprüfbar, sie macht Vorhersagen, die man testen kann.
Wenn eine Erklärung so flexibel ist, dass sie jedes mögliche Ergebnis erklärt, ist sie keine echte Erklärung, sondern eine Geschichte. Verschwörungstheorien sind das Paradebeispiel: Jeder Widerspruch wird als weiterer Beweis gedeutet.
Es beginnt mit der Bereitschaft, ehrlich „Ich weiß es nicht“ zu sagen, auch wenn das unangenehm ist. Eine offene Frage ist oft ehrlicher als eine falsche Gewissheit. Die schärfste Prüfung: Was würde jemand sagen, der das ganz anders sieht? Und können Sie das wirklich widerlegen? Oder wollen Sie es nur nicht hören?