Das Frustplateau

Veröffentlicht am: 22.06.2026 von Jan Göritz

Angekommen auf dem Frustplateau

 

„Herr Göritz, seit zwei, drei Terminen habe ich das Gefühl, wir drehen uns irgendwie im Kreis.“ 

Frau Lindner macht mir keinen Vorwurf, sondern spricht ihre Beobachtung und ihr Gefühl aus.

Seit gut sieben Monaten kommt sie zu mir zur Therapie und die ganz großen Dinge sind besprochen: der dominante Vater, die emotional abwesende Mutter, ihre Beziehungen. 

Sie hat viele Tränen geweint und wir haben ihrer Wut den nötigen Raum gegeben. Sie hat auch verstanden, warum sie immer wieder in die gleiche Rolle rutscht, und sie hat aufgehört, sich dafür zu schämen.

Aber in ihrem Leben ist von Veränderung noch nichts zu spüren.

Wir sind, was wir wiederholt tun. Exzellenz ist dann keine Tat, sondern eine Gewohnheit. (Aristoteles)

„Ich weiß doch jetzt alles“, sagt sie mit etwas Verzweiflung in der Stimme. „Ich weiß, warum ich so bin. Ich weiß, was mich blockiert. Warum schaffe ich es denn nicht?“

„Was schaffen Sie nicht?“, frage ich interessiert.

„Ich schaffe es einfach nicht, mein Leben zu verändern. Das ist frustrierend, Herr Göritz!“

„Ich verstehe Ihren Frust sehr gut, Frau Lindner. Und ich kann Ihnen sagen, dass es normal ist. Fast jeder Klient kommt irgendwann an diesen Punkt. Ich habe diese Phase ‚Frustplateau‘ getauft.“

Sie schaut ruckartig auf: „Genau das ist es! Frustplateau, so fühlt es sich an.“

Veränderung ist Arbeit

Einsicht bedeutet noch längst nicht, dass man etwas verändert. Manchmal denke ich, dass das der zentrale Punkt ist, wenn man sich auf dem Frustplateau befindet.

Erkenntnisse sind schnell gewonnen, Veränderungen müssen eingeübt werden. Das kann dauern und das ist mitunter sehr nervig.

Ich hab’ mir früher selbst Schlagzeugspielen beigebracht. Irgendwann kam ich an meine Grenzen und habe mir einen Schlagzeuglehrer gesucht. Der sagte: „Zeig doch mal, was Du kannst, damit ich sehen kann, wo wir ansetzen.“

Nachdem ich ein paar Minuten getrommelt hatte, war sein Resümee: „Okay, wir müssen ganz von vorn anfangen. Du hältst die Sticks falsch.“

Was soll ich sagen? Das war richtig schwierig. Und wenn ich mich heute mal ans Schlagzeug setze, dann halte ich die Sticks natürlich so, wie ich es mir ursprünglich angeeignet hatte.

Und genau das Gleiche gilt für die Psychotherapie: Das Mühsamste ist das Einüben.

Der Tropfen höhlt den Stein nicht durch Kraft, sondern durch beharrliches Fallen. (Ovid)

Neues Verhalten oder neues Denken so lange zu wiederholen, bis es sich wirklich verankert hat. Dann ist der Schritt vom bloßen Wissen hin zur Veränderung des Verhaltens und damit auch der inneren Haltung vollzogen.

Meine Erfahrungen beim Schlagzeug sind kein Einzelfall: Gewohnheiten sitzen nicht im Denken, die sitzen im Körper und werden reflexartig abgerufen.

Und jetzt sehen Sie: Das Frustplateau ist nicht „Stillstand“, sondern es ist eine Phase, in der sich unter anderem das neue Verhalten, die neue Haltung einschreibt. 

Bergsteiger nutzen Plateaus, soweit ich weiß, um sich auszuruhen und neue Kraft zu schöpfen. Die könnten theoretisch auch den Berg sofort weiterbesteigen. Machen sie aber nicht.

Vielleicht nehmen Sie dieses Bild mit, falls Sie in Ihrer Persönlichkeitsentwicklung mal wieder mit Frust konfrontiert sind.

Der Widerstand

Aber es gibt doch noch etwas anderes, das auf dem Frustplateau wirkt:

Manchmal stagniert es nicht nur, weil nichts passiert. Manchmal stagniert es, weil etwas in uns nicht möchte, dass etwas passiert.

Zugegeben: Das klingt etwas seltsam. Jemand kommt zur Therapie, weil er etwas verändern möchte. Und dann sperrt sich etwas gegen diese Veränderung?

Ja, und das ist kein Einzelfall.

Veränderung bedeutet immer, dass etwas endet. Das Alte hört auf. Aber das Alte ist auch das, was wir gut kennen, was uns vertraut ist.

Vielleicht kann man sogar weit gehen und sagen, dass das Alte die Struktur darstellt, die uns bislang getragen hat. Der dazugehörige Schmerz ist eingepreist. Und auch den kennen wir immerhin. All das gehört zu unserer Komfortzone.

Das Neue ist unbekannt und das Unbekannte macht uns immer ein Stück weit Angst.

„Der Widerstand, auf den wir alle irgendwann stoßen, ist also positiv betrachtet so etwas wie ein Sicherheitsmechanismus“

Solange du das Unbewusste nicht bewusst machst, wird es dein Leben lenken und du wirst es Schicksal nennen. (Carl Gustav Jung)

Frau Lindner schaut mich überrascht an und fragt: „Wie früher meine Eltern, wenn sie gesagt haben: ‚Follein, in den Klamotten gehst du aber nicht auf die Straße!‘?“

Ich muss schmunzeln: „Ja, so in etwa… Ihre Eltern früher und der Teil in Ihnen, der gerade für etwas Stagnation sorgt, beide haben Angst um Sie und Angst vor dem Unbekannten, das kommen könnte.“

„Was könnte denn da kommen?“

Ich lehne mich zurück. „Das wissen wir noch nicht. Das ist der Punkt.“

Das brauchen Sie auf dem Frustplateau

Das Frustplateau ist der Moment, in dem viele aufhören. Nicht von jetzt auf gleich, es gleicht eher einem Ausschleichen:

Der nächste Termin wird verschoben, vielleicht wird auch mal ein Termin vergessen, die Frequenz der Termine wird größer und irgendwann heißt es: „Ich glaube, ich brauch’ mal eine Pause.“

Und manchmal ist genau das der Reflex, der eigentlich bearbeitet werden soll. Wir wollen uns nicht mehr zurückziehen, wenn es unbequem wird.

Was helfen kann, ist das klare Benennen: „Ich weiß, es fühlt sich gerade so an, als würden wir uns im Kreis drehen. Aber dieser ungemütlichste Teil Ihres Weges ist gleichzeitig auch eine sehr wichtige Etappe.“

Ich möchte Sie bitten, Geduld zu haben mit allem Ungelösten in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst lieb zu haben. (Rainer Maria Rilke)

Und es ist wichtig, darauf aufmerksam zu machen, was sich bereits verändert hat. Wir Menschen neigen dazu, positive Veränderungen sehr schnell zu integrieren und dann zu vergessen, dass es niemals anders war.

„Frau Lindner, was hat sich verändert, seit Sie zum Vorgespräch bei mir waren?“

Frau Lindner denkt nach.

„Ich schreie nicht mehr so schnell.“

„Das ist nicht nichts.“

„Aber das reicht doch nicht.“

„Vielleicht nicht. Aber es ist ein Anfang, der trägt. Und er war nicht da, bevor Sie hier anfingen.“

Die Phase, die niemand ankündigt

Es gibt meines Wissens keinen etablierten Fachbegriff für das, was Frau Lindner erlebt. Manche sprechen von der Liminalphase,  das ist die Schwelle zwischen dem, was man war, und dem, was man wird. Zwischen „nicht mehr“ und „noch nicht“. 

In Kletterparks gibt es manchmal Stationen, da muss man seinen Halt loslassen, um einen Schritt zu machen. Und erst nach diesem Schritt kann man sich wieder festhalten. Das geht zwar etwas schneller vorbei, als das Frustplateau, aber es ist ähnlich unangenehm.

Es ist die Phase, in der der Boden unsicher ist.

Ich nenne es das Frustplateau. Dieser Begriff vereint beide wichtigen Elemente dieser Phase: Es scheint nicht mehr weiter nach oben zu gehen, und genau das kann uns sehr frustrieren. 

Frau Lindner kommt noch. Sie hat die Frequenz nicht verringert. Sie schreit nicht mehr so schnell, sagt sie.

Letzte Woche hat sie mir von einem Abend erzählt, an dem sie sich geärgert hat und dann, statt impulsiv zu reagieren, aus dem Zimmer gegangen ist. Kurz. Um Luft zu holen.

Man steigt nicht auf das Niveau seiner Ziele. Man fällt auf das Niveau seiner Systeme. (James Clear)

„Das habe ich noch nie gemacht.“ erzählt sie strahlend.

Doch, das hat sie schon mal gemacht. Aber sie hat es noch nie bemerkt.

Und das ist der wichtige Unterschied.

Weiterführende Informationen

 

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Mehr Informationen

FAQ

Das Frustplateau ist die Phase in einem Veränderungsprozess, in der das Große bereits besprochen ist, aber das Neue noch nicht im Alltag angekommen ist. Man weiß, woher die Muster kommen. Man hat vielleicht sogar erste Veränderungen erlebt. Und dann: Stille. Die Sitzungen fühlen sich wie Wiederholungen an, die Energie des Anfangs ist weg. Ein typisches Zeichen: der Satz „Ich drehe mich im Kreis.“

Meistens nicht. Es bedeutet meist das Gegenteil: Der erste Abschnitt ist abgeschlossen, und jetzt beginnt das Schwerste. Einsicht ist nicht Veränderung. Das Gehirn braucht Wiederholung, um neue Muster zu verankern. Das geht nicht schnell, und es geht nicht sichtbar. Was auf dem Frustplateau fehlt, ist nicht der Fortschritt, sondern das Erleben des Fortschritts.

Das ist eine ehrliche Frage, die es verdient, direkt angesprochen zu werden. Eine Pause kann richtig sein, denn manchmal braucht es Abstand. Ein Wechsel kann richtig sein, wenn die Beziehung grundlegend nicht stimmt. Aber das Frustplateau selbst ist kein Grund zum Abbrechen. Im Gegenteil: Es ist oft der Moment, in dem viele aufhören. Und genau das ist der Reflex, der eigentlich bearbeitet werden wollte.

Zunächst: es benennen. Dem Therapeuten sagen, was Sie erleben. Das Frustplateau verliert Kraft, sobald es einen Namen bekommt. Dann: klein schauen. Nicht auf das Große, das noch fehlt, sondern auf das Kleine, das schon anders ist. Frau Lindner, von der ich im Artikel erzähle, hat irgendwann bemerkt, dass sie nicht mehr so schnell schreit. Das ist nicht nichts.


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