Der Apfelkern und die Brechstange

Veröffentlicht am: 18.05.2026 von Jan Göritz

Der Apfelkern und die Brechstange

Immer wieder sitzen mir Menschen gegenüber, die nach eigenen Erkenntnissen kurz innehalten und dann – meist in einer gewissen aufgeregten Grundstimmung – Fragen stellen:

  • „Was mache ich denn jetzt damit?“
  • „Wie komme ich denn dahin?“

Derlei Fragen gibt es natürlich viele, meist haben sie aber einen solchen Charakter.

Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht dann, eines fernen Tages in der Zukunft, gehen Sie in die Antworten hinein, ohne es zu merken. (Rainer Maria Rilke)

Irgendwann sagte ich ihm, an was für eine Situation, mich das gerade erinnert: „Jemand gibt Ihnen einen Apfelkern in die Hand und sie sagen ‚in diesem kleinen Kern, ist ein ganzer Baum? Das glaube ich nicht!‘

Und dann nehmen Sie metaphorisch die Brechstange, knacken den Kern auf und sagen: ‚sehen Sie? Kein Baum‘“

Die Brechstange ist kein Werkzeug, sondern ein Urteil.

„Was mache ich denn jetzt damit?“ klingt nach einer konstruktiven und pragmatischen Frage. Da geht jemand mit „gesundem Menschenverstand“ und lösungsorientiert zu Werke.

Doch in Wirklichkeit ist es ein Urteil, dass ich als Frage tarnt. Denn in der Frage steckt bereits Skepsis/Ablehnung: „ich glaube nicht, dass das wirklich funktioniert. Zeige mir die Anleitung, beweise mir, dass es funktioniert. Dann (erst) fange ich an.

Doch der (metaphorische) Kern liefert keine Anleitung. Er liefert nur sich selbst. Von uns ist Vertrauen gefragt.

„Wie“ ist eine ganz wunderbare Frage. Kinder, die noch pure Neugier und Lebensfreude spüren, stellen Sie häufig. „Wie funktioniert dies?“, „wie funktioniert das?“

Doch, hier kommt sie zu früh. Sie funktioniert, wenn man bereits grundsätzlich weiß, wo man hin möchte: „Wie backe ich einen Schokoladenkuchen?“ ist eine sinnvolle Frage, sobald die Entscheidung für Schokoladenkuchen gefallen ist.

Als erste, und manchmal unwillkürliche, Reaktion auf etwas Neues oder unbekanntes ist das „Wie“ eher Panik, die Sicherheitsfrage tarnt.

Es suggeriert, dass es eine Anleitung gibt. Und die gibt es im Leben in der Regel nicht. Deswegen schlussfolgern wir vorschnell, dass es nicht geht.

Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Freiheit und die Kraft, unsere Antwort zu wählen. (Viktor Frankl)

Und vor lauter Angst und Panik haben wir noch nicht mal begonnen, uns mit dem, was vor uns liegt, WIRKLICH auseinanderzusetzen.

Was im Kern steckt

Ein Apfelkern enthält die vollständige Information für einen Baum und hunderte von Äpfeln, die dieser tragen wird. Aus den Kernen können neue Bäume und neue Äpfel wachsen.

Das alles steckt in diesem winzigen braunen unscheinbaren Ding und man sieht es ihm wirklich nicht an. Wir können es erst sehen, wenn wir den Kern einpflanzen und warten.

Wer nach außen schaut, träumt; wer nach innen schaut, erwacht. (Carl Gustav Jung)

Manche Ideen, Möglichkeiten und besonders auch tiefe Veränderungen funktionieren genauso.

Ich habe heute den Eindruck, dass diese auch eine gewisse Vollständigkeit in sich tragen, die wir nur am ersten Moment nicht erfassen können

Auch Ideen und Veränderungen haben ihr eigenes Tempo. Wer sich zu früh mit der Frage „wie mache ich das jetzt?“ auseinandersetzt, der läuft Gefahr, den Kern wieder aus der Erde zu reißen, bevor er überhaupt wurzeln schlagen konnte.

Weder wir Menschen noch ein Samenkorn brauchen eine Brechstange. Wir brauchen Vertrauen ins Leben.

Hinter der Brechstange

Was meinen Klienten wirklich beschäftigte, wurde im Laufe der Sitzung klarer. Es war nicht wirklich die Frage, was er tun soll, sondern es war die tief liegende Überzeugung, dass er sowieso nicht schafft. Man kann sagen, dass er ein Vertrauensdefizit in sich trug und versucht hat, dieses mit Kontrolle zu egalisieren.

Seine Brechstange war also wieder Werkzeug oder Urteil, sie war lediglich Ausdruck seiner Angst und seines Misstrauens.

Der moderne Mensch glaubt, er verliere Zeit, wenn er nicht schnell handelt; in Wirklichkeit verliert er sich selbst. (Erich Fromm)

Vertrauen – in eine Idee, in sich selbst oder ins Leben – ist keine Naivität. Es ist die Voraussetzung dafür, dass irgendwas wächst. Wer jeden Tag nachschaut, ob schon ein Baum da ist, wer Transzieht, weil es ihm zu langsam gibt oder wer aufgibt, weil er keine Anleitung findet. – der bekommt keinen Baum.

Er bekommt die Schuldfrage.

Weiterführende Informationen

 

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FAQ

Es bedeutet, sofort nach einer Schritt-für-Schritt-Anleitung zu suchen, bevor man überhaupt verstanden hat, was vor einem liegt. Das „Wie komme ich dahin?“ als erste Reaktion auf etwas Unbekanntes ist oft Panik in Frageform und zerstört, was noch gar nicht keimen durfte. Wer den Apfelkern aufbricht, um den Baum darin zu suchen, bekommt Splitter, aber keinen Baum.

Weil sie oft bereits enthält: „Ich glaube nicht, dass da wirklich etwas drin ist. Beweise mir erst, dass es funktioniert.“ Der Kern aber liefert keine Anleitung. Er liefert nur sich selbst. Und das reicht vollkommen – wenn man es zulässt. Die Brechstange ist dann kein Werkzeug mehr, sie ist ein Urteil: Misstrauen gegenüber dem Prozess, gegenüber der Idee, gegenüber sich selbst.

Vertrauen – in eine Idee, in sich selbst, in einen Prozess, dessen Ende man nicht kennt – ist keine Naivität. Es ist die Voraussetzung dafür, dass irgendetwas wächst. Wer jeden Tag nachschaut, ob schon ein Baum da ist, wer ungeduldig nachhilft oder aufgibt, weil es keine Anleitung gibt, bekommt keinen Baum.

Er bekommt einen aufgeknackten Kern. Und die Frage, woran es gelegen hat.

Indem Sie akzeptieren, dass tiefe Veränderungen ihr eigenes Tempo haben, und dieses Tempo nicht mit Ihrem Bedürfnis nach schnellen Antworten übereinstimmen muss. Der erste Schritt ist, neugierig zu bleiben, ohne sofort zu urteilen. Der zweite ist zu erkennen: Der Kern braucht keine Brechstange. Er braucht Erde, Wasser, Licht. Und jemanden, der ihm vertraut, dass er weiß, was er tut.


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