Die Gefahr der Empörung
Veröffentlicht am: 05.05.2026 von Jan Göritz
Veröffentlicht am: 05.05.2026 von Jan Göritz
Vor ein paar Tagen saß mir ein Klient gegenüber. Eigentlich ist er ein ruhiger und sachlicher Typ, Mitte 40.
„Herr Göritz, mir ist da neulich etwas passiert, das lässt mich nicht so richtig los. Weniger wegen der Sache an sich, mehr deshalb, weil ich so schnell da reingerutscht bin.“
Auf meine Nachfrage berichtete er, dass er auf einer Social Media Plattform auf ein Video gestoßen war, in dem ein Politiker einen — wie er sagte — unglücklich formulierten Satz von sich gab.
„Wo ich mir normalerweise nur die Hand gegen die Stirn schlage, hat es mich da irgendwie geritten, einen Kommentar zu hinterlassen.“
Natürlich folgten auf seinen Kommentar weitere Kommentare, und ehe er sich’s versah, steckte er tief in einer Internet-Diskussion.
„Und es war so krass, Herr Göritz: Als ich das nächste Mal auf die Uhr schaute, waren 3 Stunden vergangen, und ich hing immer noch am Handy. Vermutlich ist mein Puls in diesen 3 Stunden am oberen Limit gewesen.“
Und dann sagt er einen Satz, der bei mir hängen geblieben ist:
„Ich weiß nicht mal mehr genau, worum es eigentlich ging.“
Nietzsche hat einmal geschrieben: „Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehen, dass er nicht dabei selbst zum Ungeheuer wird.“
Dieser Satz stammt aus dem 19. Jahrhundert, und vermutlich hat Nietzsche das Internet nicht einmal erahnt. Der Satz scheint also eher eine menschliche Eigenart zu betreffen als Social Media.
Wenn wir wollten, könnten wir uns jeden Tag empören, denn jeder Mensch wird irgendwo auf der Welt etwas finden, das ihn aufregt. Und dank Internet und Social Media müssen wir häufig gar nicht aktiv suchen, sondern bekommen das Angebot zur Empörung frei Haus geliefert.
Die Algorithmen der sozialen Netzwerke lieben Aufregung, denn sie führt zu viel Interaktion und im jeweiligen Netzwerk verbrachter Zeit.
Das Problem ist übrigens nicht die Empörung an sich – das ist eine normale menschliche Reaktion auf Unrecht. Sie war und ist ein Motor des gesellschaftlichen Wandels. Aber nach meiner Beobachtung haben sich zwei Dinge verändert:
Und das ist eine ungesunde Mischung. Für jeden Einzelnen, innerhalb von Familien und auch gesellschaftlich betrachtet.
Empörung kann sich so richtig gut anfühlen. Und das ist kein Zufall.
Wer sich empört, fühlt sich immer auf der richtigen Seite. Moralisch klar und als Teil einer Gemeinschaft, die „das Richtige“ erkennt. Das fühlt sich gut an, man kann auch sagen: überlegen. Und genau das kann süchtig machen. Wie bei jeder Sucht gilt: Die Dosis muss erhöht werden.
Bei der Empörung heißt das im Klartext, dass die Reizschwelle sinkt, je mehr empörende Inhalte man konsumiert. Man braucht also immer stärkere Reize, um innerlich dieselbe emotionale Reaktion hervorzurufen. Was gestern noch akzeptabel war, ist heute möglicherweise schon ein Skandal.
Das möglicherweise Schlimmste ist jedoch, dass Empörung das kritische Denken hemmt. Wenn wir emotional aufgewühlt sind, urteilen wir schneller, prüfen keine Fakten mehr und hinterfragen nichts mehr.
Das macht uns anfällig für Falschinformationen und gezielte Manipulation. Es macht uns bequem, denn es ist bequem, empört zu sein. Es entlastet uns davon, die Dinge in ihrer ganzen Komplexität zu betrachten, die die meisten Dinge und Themen nun mal mit sich bringen.
Wie gesagt: Das ist kein neues Phänomen, aber neu ist das Tempo.
Es gibt einen Bericht, der mich nicht loslässt, seit ich ihn gelesen habe. Sanitäter, die zu einem Unfallopfer eilen, werden von Umstehenden aufgehalten – weil die Menschen mit ihren Handys filmen und niemanden durchlassen wollen, der ihnen die Sicht versperrt.
Was diese Menschen am Straßenrand antreibt, ist nicht der Wunsch, zu helfen oder etwas zu verändern. Es ist der Kick des Dabeiseins, des Dokumentierens, des Teilens. Das Spektakel ist der Zweck – nicht das Opfer. Helfen würde die Szene auflösen. Und dann wäre der Moment vorbei.
Empörung im Netz funktioniert nach derselben Logik. Wer drei Stunden lang kommentiert, geteilt und sich entrüstet hat, hat seinen emotionalen Bedarf längst gedeckt – individuell und, wenn andere mitmachen, kollektiv. Für eine Lösung ist dann weder Energie noch Interesse übrig. S
chlimmer noch: Eine Lösung wäre fast störend. Sie würde den Anlass wegnehmen.
Das erklärt, warum manche Probleme, über die lautstark empört wird, seit Jahren ungelöst bleiben – und warum das die Empörung nicht mindert, sondern befeuert. Das Problem muss bestehen bleiben. Die Empörung braucht es.
Individuelle Empörung ist also mindestens schwierig, kollektive Empörung kann sogar gefährlich werden.
Gustave Le Bon hat Ende des 19. Jahrhunderts beschrieben, was mit Menschen in der Masse passiert: Die individuelle Urteilsfähigkeit schwindet, das Gefühl der Unverwundbarkeit wächst, und die Gruppe bildet eine Identität, die keiner ihrer Mitglieder alleine hätte. Le Bon dachte dabei an reale Versammlungen.
Für „Versammlungen“ in sozialen Netzwerken gilt das nicht weniger.
Wenn Empörte sich zusammenfinden, wirkt die Gruppe wie ein Verstärker. Und die sozialen Medien beschleunigen das extrem: Innerhalb von Stunden können Tausende auf ein einziges Ziel einprasseln – koordiniert, anonym und mit der scheinbaren moralischen Gewissheit, auf der richtigen Seite zu stehen.
Die Gruppe braucht ein gemeinsames Feindbild, um zusammenzuhalten. Nicht umsonst gibt es den Satz: „Feind im Außen eint im Innen.“ Und die Gruppe braucht die Gewissheit, dass sie recht hat. Und „die anderen“ haben damit automatisch unrecht. Deshalb braucht man auch nicht mehr zuzuhören oder zu diskutieren.
„Die anderen“ ist auch eine Wortwahl, in der die eigene Überlegenheit schon eingepreist ist. Es gibt „uns“ und den kläglichen Rest. Ein Denken in „wir“ und „die“ fördert generell eher Spaltung als Gemeinschaft.
Unter anderem deshalb ist es auch so schwierig, als Teil einer Gruppe die Gruppe zu hinterfragen. So entsteht ein System, das korrekturimmun ist und das seine Mitglieder in einer Dynamik hält, aus der man nur schwer wieder herauskommt, ohne das eigene Gesicht zu verlieren.
Bist du nicht für uns, dann bist du gegen uns.
Was meinen Klienten, den ich bereits am Anfang des Artikels erwähnte, übrigens am meisten beschäftigte, war nicht das Thema des Videos, sondern sein emotionaler Zustand, nachdem er mehrere Stunden in der Empörungs-Maschinerie der sozialen Netzwerke verbracht hatte:
Er fühlte sich erschöpft und leer. Und das, obwohl er, ehrlich gesagt, nichts getan hatte außer sich aufzuregen.
Empörung als Reaktion ist situativ: Sie entsteht als Antwort auf ein konkretes Unrecht oder eine konkrete Grenzverletzung und mündet bestenfalls in konkretes Handeln: ein Gespräch, eine Entscheidung oder einen Brief an den richtigen Empfänger.
Empörung als Haltung hingegen ist eher ein Dauerzustand, eine Grundhaltung. Sie muss sich immer neue Objekte suchen, um sich zu ernähren, und erschöpft ihren Wirt: die Menschen, die sich in diesem Dauerzustand befinden.
Wer dauerhaft in Empörung lebt, wird irgendwann überall Feinde sehen.
Es gibt Lager, in denen Empörung zur sozialen Waffe geworden ist. Menschen werden für Dinge verurteilt, die sie vor Jahren gesagt haben. Aussagen werden aus dem Zusammenhang gerissen oder sogar falsch zitiert.
Ein Beispiel dafür, wie das aussehen kann, ist der Fall der Staatsrechtlerin Frauke Brosius-Gersdorf. Sie wurde im Juli 2025 auf Vorschlag der SPD für das Bundesverfassungsgericht nominiert.
In einem juristischen Gutachten hatte sie argumentiert, der Staat könnte verfassungsrechtlich verpflichtet sein, Abtreibungen zu ermöglichen. Das ist eine in Fachkreisen vertretbare Position.
Was folgte, war jedoch keine juristische Debatte. Es war eine wochenlange Kampagne gegen ihre Person, die teils mit eklatanten Falschbehauptungen geführt wurde. Teile der Unionsfraktion verweigerten schließlich die vereinbarte Zustimmung, und im August 2025 zog sie ihre Kandidatur zurück, weil eine erfolgreiche Wahl nicht mehr realistisch war.
Ob ihr Gutachten richtig oder falsch war, hat dabei keine Rolle gespielt. Es wurde in der „Diskussion“ schlicht ignoriert. Die Empörung hatte ihr Ziel erreicht, bevor irgendjemand den Inhalt kannte.
Auch in meiner Praxis begegnen mir Menschen, die ganz ähnliche Dinge beschreiben: „Mich nervt es, dass es nur noch extreme Positionen gibt. Ich habe den Eindruck, Menschen hören mir gar nicht mehr richtig zu, sondern suchen nur noch nach bestimmten Schlagwörtern.
Danach sortieren sie mich ein: Entweder bin ich dann dieses oder jenes. Schwarz oder weiß.“
Aussagen dieser Art nehmen nach meiner Beobachtung zu. Und ich halte diese Schwarz-Weiß-Einstellung für sehr gefährlich. Das klingt nicht nach einer offenen und pluralistischen Gesellschaft.
Natürlich können wir versuchen, die Verantwortung an Plattformbetreiber oder Politiker abzuschieben — aber eigentlich sind wir es, die die Verantwortung für unser eigenes Handeln tragen.
Wenn Sie merken, dass eine Aussage oder ein Bericht in Ihnen den „Empörungs-Knopf“ drückt, können Sie sich folgende Fragen stellen:
Mir fällt an dieser Stelle die Geschichte von Sokrates‘ drei Sieben ein. Die drei Fragen, die Sokrates in dieser Geschichte vorschlägt, bevor eine Nachricht weiter verbreitet wird, sind:
Wenn eine Nachricht in einem dieser „Siebe“ hängen bleibt, ist sie es nicht wert, weiter verbreitet zu werden.
Empörung zeigt Ihnen, dass etwas nicht stimmt, dass eine Grenze überschritten wurde, dass Handlungsbedarf besteht. Die Frage ist nur: Nutzen Sie sie — oder werden Sie benutzt?
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Empörung als Reaktion ist situativ und sinnvoll. Sie entsteht auf ein konkretes Unrecht, gibt uns Energie und mündet im besten Fall in konkretes Handeln. Empörung als Haltung hingegen braucht immer neue Auslöser, erschöpft und hinterlässt ein Gefühl der Leere. Mein Klient, der drei Stunden am Handy verbrachte, ohne genau zu wissen, worum es ging, ist ein gutes Beispiel dafür.
Wer sich empört, steht immer auf der richtigen Seite. Dieses Gefühl moralischer Überlegenheit und Gemeinschaft mit Gleichgesinnten löst im Gehirn tatsächlich Belohnungsreaktionen aus. Das Problem: Wie bei jeder Sucht sinkt die Reizschwelle mit der Zeit. Was gestern noch akzeptabel war, ist heute schon ein Skandal.
Eine gute erste Frage ist: Kenne ich den vollständigen Kontext? Eine weitere: Habe ich die Quelle geprüft? Und schließlich: Will ich das wirklich teilen, oder will ich vor allem dazugehören? Die drei Siebe des Sokrates sind hier eine praktische Orientierungshilfe.
Innehalten hilft mehr als Willenskraft. Die Frage „Was werde ich konkret tun, nachdem ich mich empört habe?“ trennt Reaktion von Haltung. Wer keine befriedigende Antwort findet, hat meistens auch keinen echten Handlungsbedarf, sondern einen emotionalen Kick gesucht.