Hänschen klein – schuldig für immer
Veröffentlicht am: 30.07.2026 von Jan Göritz
Veröffentlicht am: 30.07.2026 von Jan Göritz
Hänschen klein, ging allein in die weite Welt hinein.
Stock und Hut stehen ihm gut, er ist wohlgemut.
Doch die Mutter weinet sehr, hat ja nun kein Hänschen mehr.
Da besinnt sich das Kind, läuft zurück, geschwind.
Ich weiß nicht mehr, wann mir dieses Lied zuletzt durch den Kopf gegangen ist. Irgendwann, als meine Kinder klein waren, wahrscheinlich. Aber dann saß neulich ein junger Mann in meiner Praxis gegenüber und erzählte mir davon, wie schlecht er sich fühlt, wenn es ihm gut geht.
Und plötzlich war Hänschen klein wieder da. Quasi als Diagnose.
Was ist das Besondere an diesem Lied?
Die Mutter droht nicht. Sie schlägt nicht. Sie schreit nicht. Sie weint.
Das ist der entscheidende Punkt. Ein drohendes Elternteil löst Angst aus. Das Kind wehrt sich, es flüchtet oder kämpft.
Aber ein weinendes Elternteil? Das löst in jedem Kind Schuld aus. Und Schuld ist heimtückisch.
Schuld ist der Versuch, Verantwortung für Gefühle anderer zu übernehmen. (John Bradshaw)
Denn Schuld sagt hier: Du hast jemanden verletzt. Und zwar nicht durch etwas Falsches, das du getan hast, sondern dadurch, dass du gegangen bist. Dass du Stock und Hut genommen hast. Dadurch, dass du wohlgemut warst.
Hänschen klein hat nichts Böses getan. Er ist losgegangen: neugierig, mutig, gut ausgestattet. Das ist gesund. Das ist genau das, was Kinder tun sollen. Aber die Mutter weinet sehr.
Das Lied lehrt uns, dass der Aufbruch eines Kindes der Mutter wehtut. Der natürliche Entfaltungsdrang des Kindes verursacht ihren Schmerz.
Vor einiger Zeit saß mir in der Praxis Herr Wegmann gegenüber, ein junger Mann, Ende 20.
Er hatte gerade einen neuen Job angenommen und ist mit seiner Partnerin zusammen gezogen.
„Ich habe das Gefühl, ich darf das nicht“, sagte er.
„Was dürfen Sie nicht?“, fragte ich zurück.
Es fiel ihm sichtlich schwer, entweder die richtigen Worte zu finden oder sie über die Lippen zu bringen: „Ich habe das Gefühl, ich darf nicht richtig glücklich sein.“
Erstaunt fragte ich nach: „Wie kommen Sie darauf?“
Ein Kind, das lernt, die Stimmung seiner Eltern zu regulieren, verliert die Verbindung zur eigenen. (Alice Miller)
„Naja …“, begann er zögerlich, „das ist eine lange Geschichte. Ich würde sagen, das begann schon in meiner Jugend. Immer wenn ich Spaß hatte und mein eigenes Leben gestalten wollte, hat meine Mutter mir ein schlechtes Gewissen gemacht. Ob ich nicht sehen würde, wie schlecht es ihr geht. Wie ich nur so egoistisch sein kann, nur an mich zu denken.“
Während er erzählte, konnte ich gut die hilflose Wut des jugendlichen Herrn Wegmann in seinem Gesicht ablesen.
Es ist aber heute wie damals eine Wut, die nicht geäußert werden darf.
Ich fragte ihn, ob er „Hänschen klein“ kennt, und erntete einen irritierten Blick.
„Doch die Mutter weinet sehr“?
Er lachte bitter auf: „Ach so, verstehe … Ja, das ist mein Leben.“
Beim Begriff „Erpressung“ denken wir unwillkürlich an dunkle Machenschaften. Manchmal jedoch passiert es ohne böse Absicht.
Viele Mütter, Väter, Partner und Geschwister, die solch ein Muster zeigen, wissen nicht immer, was sie tun.
Sie leiden wirklich. Das Gefühl, verlassen zu werden, ist echt. Und die Tränen sind es auch.
Doch ob Absicht oder nicht, das Kind lernt seine Lektion trotzdem:
Die stärkste Form der Manipulation ist nicht Zwang, sondern die tränenreiche Erwartung. (Susan Forward)
Das ist so, weil Kinder nicht durch Worte lernen, sondern durch wiederholte Beobachtungen, Nachahmung und eigene Erfahrungen.
Und wenn man wiederholt die Erfahrung macht, dass jemand leidet, wenn das Kind geht?
Dann braucht es irgendwann die Mutter nicht mehr, um ein schlechtes Gewissen zu erzeugen. Das macht dann das junge, erwachsene Kind von ganz allein.
„Da besinnt sich das Kind, läuft zurück geschwind.“
Jahre später sitzt das erwachsene Hänschen dann bei mir in der Praxis und möchte immer noch zurücklaufen. Nicht unbedingt zur Mutter, das vielleicht auch. Aber meistens zu der Version von sich selbst, die klein genug ist, um niemanden verletzen zu können.
Welche Auswirkungen auf das eigene Leben hat es, wenn man gelernt hat, dass immer jemand leidet, wenn es einem gut geht?
Herr Wegmann war beispielsweise nicht in der Lage, seine Erfolge zu feiern. Der erste Impuls war dann nicht Freude, sondern ein Rechtfertigungsdruck.
„Ich kann überhaupt kein Lob annehmen und hab’ den Eindruck, dass etwas in mir dafür sorgt, dass ich mich zum Horst mache, wenn es zu gut läuft“, sagte er kopfschüttelnd.
„Wohlgemut tut mir nicht gut …“, reimte ich vor mich hin, und Herr Wegmann hob den Kopf und lächelte mich traurig an.
Dieses Muster kann sich auf vielfältige Art und Weise zeigen:
Hänschen klein ist nicht dumm, Hänschen klein ist loyal. Doch er ist auch blind, denn er hatte nie die Möglichkeit, über den Tellerrand zu schauen. Er kennt es schlicht nicht anders: Mama weint, also laufe ich zurück.
Das ist aus der Sicht des Kindes ein überlebenswichtiger Anpassungsschritt. Denn jedes Kind muss sich an die innerfamiliären Prozesse anpassen, um sicherzugehen, dass es dazugehört und mit allem versorgt wird, was es zum Leben und Wachsen braucht.
Herr Wegmann fragte kurz vor Ende: „Was mache ich denn jetzt damit?“
„Richtige Intention, aber falsche Frage“, antwortete ich lächelnd. Als ich in Herrn Wegmanns Gesicht ein großes Fragezeichen sah, fügte ich hinzu: „Handeln ist meistens das Gegenteil von Fühlen. Und genau um Letzteres geht es jetzt bei Ihnen.“
Das Fragezeichen wollte nicht schrumpfen.
„Wann genau kommt das Schuldgefühl? Wie fühlt es sich im Körper an?“
„Aber ich möchte das Schuldgefühl doch loswerden“, insistierte Herr Wegmann verständlicherweise.
Die Pflicht des Kindes ist es zu wachsen, fortzugehen und sein eigenes Leben zu führen. (Khalil Gibran)
Ich nickte verstehend: „Ja, ich weiß, Herr Wegmann, aber es ist ein bisschen, als wenn Sie zu Hause aussortieren. Da nehmen Sie die Dinge, um die es geht, auch noch einmal in die Hand, betrachten sie, und möglicherweise kommen Erinnerungen und Gefühle hoch.“ Er nickte. „Und erst, wenn Sie all das durchlaufen und verarbeitet haben, können Sie mit Sicherheit sagen, was mit dem Teil passieren soll.“
Herr Wegmann bleibt in der Nickbewegung, wird aber langsamer. So, als würde ihm noch eine Information fehlen.
„Wissen Sie, Herr Wegmann, hier geht es nicht um die hässliche Vase von Tante Erna und die Frage, ob die entsorgt werden kann, hier geht es um hässliche Sätze von Ihrer Mutter. Und wenn bei der hässlichen Vase klar ist, dass Sie sich so etwas nie kaufen würden, fühlen sich die hässlichen Sätze über die Zeit an, als wären es Ihre eigenen.“
Sein Blick wird wieder fokussierter, ich merke, er versteht mich.
„Also nicht mehr: Da besinnt sich das Kind“, setzt er an und überlegt. „Sondern: Fick dich! Ich bleibe wohlgemut.“
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Emotionale Erpressung muss nicht laut sein. Oft zeigt sie sich leise: durch Tränen, durch Schweigen, durch das demonstrative Leiden, wenn jemand einen eigenen Weg geht. Das entscheidende Merkmal ist nicht die Absicht, sondern das Ergebnis: Das Kind lernt, dass sein Wohlsein Schmerz verursacht. Wenn Sie sich regelmäßig schlecht fühlen, wenn es Ihnen gut geht, kann das ein Hinweis sein.
Die Absicht entscheidet nicht über die Wirkung. Das ist einer der schwierigsten Sätze, die ich in der Therapie sage, weil er die einfache Schwarz-Weiß-Erzählung vom „bösen Elternteil“ aufbricht. Ihre Mutter kann wirklich leiden und trotzdem ein Muster zeigen, das Sie belastet. Beides ist gleichzeitig wahr. Das macht die Arbeit daran nicht leichter. Aber ehrlicher.
Nicht durch Willenskraft, nicht durch Vorsätze. Zuerst durch Beobachtung: Wann kommt das Gefühl? Was war davor? Was löst es aus? Das Schuldgefühl ist ein Echo. Es bildet sich nicht über Nacht ab und verschwindet auch nicht über Nacht. Aber wenn Sie anfangen, es als das zu erkennen, was es ist, ein gelerntes Muster, keine Wahrheit, beginnt sich der Automatismus zu lockern.
Ja. Weil dieses Muster nicht nur kognitiv sitzt, sondern körperlich, als Reflex, als sofortige Reaktion, noch bevor man nachdenken kann. In der Therapie kann man lernen, den Moment zwischen Reiz und Reaktion zu erweitern. Und man kann in einem Raum erleben, dass Zuwendung nicht mit Verfügbarkeit bezahlt werden muss.