Sich ernst und wichtig nehmen
Veröffentlicht am: 02.01.2026 von Jan Göritz
Veröffentlicht am: 02.01.2026 von Jan Göritz
Manche Menschen nehmen sich zu wenig ernst, dafür dann aber zu wichtig. Vielleicht denken Sie, das sei ein Widerspruch. Aber das ist es nicht.
Sich zu wenig ernst zu nehmen, bedeutet häufig, die eigenen Bedürfnisse, Wünsche und Impulse ernst zu nehmen.
Manchmal tun wir die fast schon im Vorbeigehen ab, weil wir es so gewohnt sind.
„Wieso möchtest du Klavier studieren?“, wurde ein ehemaliger Klient früher von seinen Eltern gefragt. Ergänzt durch den abwertenden Satz: „Glaub mal ja nicht, dass du etwas Besonderes bist.“
Er hat dann Jura studiert und ist in die Kanzlei seines Vaters eingestiegen, ohne dort oder gar bei sich jemals richtig anzukommen zu sein.
Erst mit Anfang 40 konnte er diesen immer noch drängenden Impuls nicht mehr mit Geld und Status korrumpieren. Allerdings war er längst nicht mehr so eindeutig spürbar, wie früher. Es fühlte sich für ihn nur noch wie eine diffuse Unzufriedenheit an.
Die immerhin nahm er ernst und suchte sich Unterstützung.
Es ist nie zu spät, der zu werden, der du hättest sein können. (George Eliot)
Die erste Zeit erzählte er mir, wie gut es ihm gehe. Er sei ein erfolgreicher Anwalt, habe Frau und Kinder, ein schönes Haus und sogar einen tollen Familienhund. Aus seiner damaligen Sicht gab es eigentlich keinen Grund für Unzufriedenheit, er fing entsprechend schon an, seine eigenen Empfindungen infrage zu stellen.
Genau diesen Punkt nutzte ich als Ausgangspunkt für den Weg in tiefere Schichten.
„Sie fühlen doch diese Unzufriedenheit, oder? Ich habe den Eindruck, das ist recht deutlich. Wie kommen Sie denn auf die Idee, dass Ihr Empfinden falsch sei?“ fragte ich ihn.
„Ja, ich spüre es – aber es gibt doch keinen Grund.“ erwiderte er.
„Sind Sie schon mal morgens aufgewacht und hatten einen schmerzhaften blauen Fleck, dessen Ursprung Sie sich partout nicht erklären können?“
Er nickte.
„Aber sie zweifeln nicht daran, dass der Fleck echt ist? Auch, wenn Sie den Ursprung nicht kennen?“
Er schüttelte den Kopf.
“Diese Unzufriedenheit ist wie ein blauer Fleck auf der Seele. Irgendwann unbemerkt im Vorbeigehen gestoßen, aber der Schmerz ist echt.“
Er sah einen Moment lang nachdenklich nach innen. Als würde er eine innere Zeitreise unternehmen.
„Ich wollte schon als Junge, so mit 14 oder 15 Jahren, Klavier studieren und professioneller Pianist werden. Ob Konzertpianist oder im Pop-Bereich wusste ich noch nicht. Aber Klavier spielen hat mir schon immer gut getan. Es fühlte sich fast an, als würde die Zeit stehen bleiben und ich würde mich in Musik verwandeln…“ Er starrte in die Leere, gab sich ganz der emotionalen Erinnerung hin.
„Sie meinen, das könnte der Schmerzpunkt sein?“
Bis Sie das Unbewusste bewusst machen, wird es Ihr Leben lenken und Sie werden es Schicksal nennen. (Carl Jung)
Er nickte.
„Wie häufig spielen Sie denn heutzutage noch Klavier?“
Tränen stiegen ihm in die Augen und er antwortete: „Nachdem mein Vater mich davon überzeugt hatte, dass Musik brotlose Kunst sei, habe ich mich komplett davon losgesagt. Musik auf Sparflamme wäre wahrscheinlich schmerzhafter für mich gewesen, als radikal gar keine Musik mehr zu machen.“
„Das heißt…“, ich rechnete kurz nach, „seit fast 30 Jahren machen Sie gar keine Musik mehr?!“
Er nickte.
„Also treten Se mit Ihrem Verhalten sich selbst gegenüber schön in die Fußstapfen Ihres Vaters beziehungsweise Ihrer Eltern.“ stellte ich fest und ein Ausdruck von Überraschung in seinem Gesicht wurde unmittelbar durch einen Ausdruck von Entsetzen abgelöst.
„Auch Sie behandeln sich selbst, als wären Sie nur eine Nebensache.“
Unsere Eltern haben für uns alle eine besondere Bedeutung und, was ich häufig beobachte, wir neigen dazu, unsere Eltern zu verteidigen – als wäre die biologische Rolle „Eltern“ so etwas wie ein Universal-Freispruch.
Erkenne dich selbst, sei dir treu, und du wirst die Welt verstehen. (Sokrates)
Auch dieser ehemalige Klient sagte immer wieder Dinge wie:
An dieser Stelle möchte ich kurz meine Erwiderungen auf solche Einwürfe darlegen:
Man kann also, in meinen Augen auch ohne zu übertreiben, von Selbstverrat sprechen, den man mit den obigen Äußerungen begeht.
Was ich hier meine, lässt sich in erster Linie an Reaktionen ablesen, häufig an Reaktionen, die aus dem Gefühl der Kränkung entstehen.
Sie fühlen sich verletzt oder gekränkt:
Sich zu wichtig zu nehmen heißt, dass Ihnen Ihre Kränkung heiliger ist als jeder realistische Blick auf die Situation.
Ihre Kränkung zieht den Fokus also weg von der Situation, hin zu Ihnen als Person.
Folgende Äußerungen sind in einem solchen Fall häufiger anzutreffen:
Ihr System reagiert wie eine überempfindliche Tankuhr, die schon bei halber Tankfüllung Alarm gibt. Eine Situation, die – objektiv betrachtet – keinen Zündstoff enthält, führt auf Ebene Ihrer Person trotzdem zu Explosion.
Die „Explosion“ muss übrigens nicht zwangsläufig laut und narzisstisch sein.
Die Kunst des Lebens besteht darin, im Tanz mit der Veränderung zu wachsen, ohne dabei das Gleichgewicht zu verlieren. (Deepak Chopra)
Sich selbst „zu wichtig“ zu nehmen, kann durchaus auch leise vonstattengehen. Beispielsweise als permanentes und leidendes Opfer.
Es ergibt sich also ein paradoxes Muster:
Das Verhalten, sich zu wichtig zu nehmen, scheint mir manchmal eine Art Gegengewicht dazu zu sein, sich selbst und seine Wünsche und Bedürfnisse nicht ernst genug zu nehmen.
Ausgewogener wird es also entsprechend dann, wenn Sie beginnen, Ihre Bedürfnisse, Wünsche und auch Zumutungen an sich selbst, ernst zu nehmen.
Dann benötigen Sie immer weniger Gegengewicht und Ihre Kränkungen dürfen endlch heilen.
Wenn Sie innerlich anerkennen, was Sie wollen, was Sie nicht mehr wollen und was Sie nicht mehr aushalten möchten, beginnen Sie selbst damit, „nein“ zu sagen und werden feststellen, dass ein „Nein“ für andere Menschen kein Drama ist.
Wer in sich geht, kann mehr aus sich herausholen (Ernst Ferstl)
In dem Moment, in dem Sie beginnen, sich selbst ernst zu nehmen und für sich einzustehen – also ein Standing zu entwickeln, verlieren die Menschen um Sie herum die Macht, Sie ins Wanken oder gar aus dem Gleichgewicht zu bringen.
Sie wissen, wer Sie sind und sehen in sachlicher Ablehnung keinen Angriff mehr auf Sie als Person.
Sie sind dann nicht mehr die Person, die sich klein macht und ihr Leid groß, sondern jemand, der schlicht existiert – mit Wünschen, Grenzen und Verletzlichkeiten, die weder besonders außergewöhnlich noch besonders belanglos sind. Sie sind einfach da.
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Wenn Sie sich zu wenig ernst nehmen, verschwinden Ihre Bedürfnisse oft aus Ihren eigenen Entscheidungen. Sie merken das weniger daran, wie „selbstlos“ Sie wirken, sondern daran, dass Sie sich selbst in Ihren eigenen Begründungen nicht mehr vorkommen. Typische Sätze sind dann: „Das ist doch nicht so wichtig“, „Andere brauchen das dringender“ oder „Ich stelle mich nicht so an.“ Wenn Sie nicht mehr sagen können, was Sie eigentlich wollen – jenseits von Anpassung und Harmonie – ist das ein deutlicher Hinweis.
Ja, Kränkung ist normal. Spannend wird es an der Stelle, an der die Kränkung mehr Raum bekommt als die Realität der Situation. Wenn Sie im Nachhinein mehr damit beschäftigt sind, was das Verhalten anderer „über Sie aussagt“, als mit dem, was tatsächlich passiert ist, kippt es schnell in eine Überhöhung. Die Frage ist weniger, ob Sie gekränkt sind, sondern wie groß diese Kränkung im Verhältnis zum Anlass werden darf – und welche alten Geschichten sie innerlich mitzieht.
Schuld entsteht häufig dort, wo Loyalität mit Schweigen verwechselt wird. Kritischer auf die eigenen Eltern zu schauen, heißt nicht automatisch, sie zu verurteilen. Es bedeutet zunächst nur, dass Sie anerkennen, welche Wirkung ihr Verhalten auf Sie hatte. Wenn Sie diese Wirkung leugnen, tragen Sie die Konsequenzen weiter – meist gegen sich selbst gerichtet. Die Frage ist also weniger: „Bin ich dann ein undankbares Kind?“, sondern eher: „Wie hoch ist der Preis dafür, meine Eltern innerlich zu schonen?“
Sich ernster zu nehmen zeigt sich darin, dass Ihre Bedürfnisse, Grenzen und Sehnsüchte einen Platz in Ihrem Alltag bekommen – ohne Sonderstellung, aber auch ohne ständige Selbstverleugnung. Sie müssen dann nicht mehr beweisen, wie verletzt Sie sind, damit Ihr Inneres überhaupt Beachtung findet. Ein „Nein“ ist dann ein „Nein“, kein Manifest. Ein „Das tut mir weh“ bleibt eine Beschreibung, keine Anklageschrift. Ihre Bedeutung steigt nicht über die der anderen hinaus – sie rutscht nur endlich auf Augenhöhe.