Die Planungsfalle. Wie Pläne uns sabotieren können

Veröffentlicht am: 04.06.2026 von Jan Göritz

Ein guter Plan, der jetzt entschlossen umgesetzt wird, ist besser als ein perfekter Plan nächste Woche. (George S. Patton)

 

Die Planungsfalle

„Heute ist nicht der richtige Tag, um mit dem Rauchen aufzuhören.“
Klar, für einen Raucher ist kein Tag der richtige.

„Herr Göritz, das ist doch nichts Neues“ denken Sie jetzt vielleicht. „Außerdem hat das doch mit Planung nichts zu tun.“

Das stimmt, aber der Mechanismus ist ganz ähnlich.
Denn mir begegnen immer wieder Menschen, die irgendetwas starten möchten und entsprechend Pläne schmieden,- sagen wir der Einfachheit halber, sie möchten sich selbstständig machen.

Eigentlich ist der Weg frei und sie könnten starten. Dann merken sie: „Da gibt es noch diese Weiterbildung. Die brauche ich noch, bevor ich wirklich loslegen kann.“

Und da schnappt die Falle zu. Und sie fällt uns meistens nicht mal auf, denn sie gaukelt uns vor, Verantwortung zu sein, obwohl sie lediglich eins ist: Vermeidung.

Pläne als Sicherheitsmechanismus

Wir alle kennen dieses Bedürfnis: Wenn ich schon etwas Großes in meinem Leben verändere, dann hätte ich zumindest gerne das Gefühl oder die Gewissheit, dass es auch klappt.

Doch diese Sicherheit gibt es leider nicht. Das wissen wir, und deswegen beginnen wir, Pläne zu schmieden und jeden Schritt, den wir gehen werden, zu durchdenken. Als würde es einen Zusammenhang geben, der lautet: „Wenn ich weiß, was auf mich zukommt, dann bin ich sicher.“

Das Bessere ist der Feind des Guten (Voltaire)

Planung ist also der Versuch, die eigene Angst oder Unsicherheit unter Kontrolle, in den Griff zu bekommen. Und je größer diese Angst ist, desto akribischer sehen solche Pläne aus. Manchmal ist der Urlaub genau durchgetaktet, manchmal das ganze Leben.

Aber je mehr ein Mensch nach Checkliste Urlaub macht oder lebt, desto weniger lässt er sich wirklich drauf ein. Vielleicht fühlt man sich sicher, aber man lebt nicht in dem Sinne, wie Leben gemeint ist.

Paradoxon Überplanung

Hin und wieder begleite ich auch Klientinnen und Klienten in die Selbstständigkeit. Und gerade bei so einem relativ großen Schritt lauert die Gefahr der Überplanung:

Nehmen wir mal an, jemand möchte ebenfalls Heilpraktikerin oder Heilpraktiker für Psychotherapie werden und begeben uns direkt in die Sitzung:

„Und Frau Schmidt? Wie ist die Prüfung gelaufen?“

„Puh, das war ein ganz schöner Ritt. Ich dachte ja schon, die schriftliche Prüfung wäre schwer, aber in der mündlichen ging es ja noch mal ganz anders zur Sache. Ich hab Blut und Wasser geschwitzt, aber ich hab…. BESTANDEN!“

„Oh, das freut mich wirklich sehr für Sie! Herzlichen Glückwunsch!“

„Vielen Dank, auch für Ihre Unterstützung, Herr Göritz! Damit geht ein Traum in Erfüllung…“

Ich stutze: „Moment, Frau Schmidt! Ihr Traum war, ich zitiere: ‚als Heilpraktikerin für Psychotherapie in meiner eigenen Praxis zu arbeiten.‘ Da fehlt ja noch ein Schritt zur Erfüllung ihres Traums.“

„Ja, ich mach mich ja auch selbstständig. Aber ich hab da noch diese WingWave-Ausbildung gesehen. Und ich glaube, die brauche ich noch, um wirklich anfangen zu können.“

Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe. (Volksweisheit)

Ich lasse meine Hände mit einem lauten Klatschen zusammenklappen und sage: „Zugeschnappt!“

Frau Schmidt sieht mich irritiert an.

„Das ist nur die Planungsfalle, die gerade zugeschnappt ist“, erläutere ich wie selbstverständlich.

„Welche Planungsfalle?“ fragt Frau Schmidt verunsichert.

„Die Planungsfalle, die Sie gerade getreten sind. Stellen Sie sich mal vor, Sie hätten jetzt auch diese WingWave-Ausbildung absolviert. Würden Sie dann die Leinen lösen, die Segel setzen und sagen: ‚Volle Kraft voraus‘?“

Der Schreck steht Frau Schmidt ins Gesicht geschrieben: „Die Vorstellung überfordert mich gerade“, sagt sie mit leiser Stimme.

„Vielleicht sollte ich lieber noch die zweijährige systemische Ausbildung machen, bevor ich mich selbstständig mache?“ frage ich freundlich lächelnd.

„Ja, vielleicht…“ sagt sie leicht schmunzelnd und sichtbar nachdenklich.

Unwissenheit als Ressource

Ich habe vor vielen Jahren mal einen Bericht über das Hamburger Unternehmen, damals noch Startup, Fritz Kola gesehen, in dem einer der Gründer einen Satz gesagt hat, der sich bei mir festgesetzt hat:
„Unwissenheit ist im Gründungsprozess durchaus nützlich.“

Wenn ich es richtig erinnere, war es die Quintessenz einer Passage, in der er berichtete, dass er sich vielleicht nicht selbstständig gemacht hätte, wenn er von vornherein gewusst hätte, was alles auf ihn zukommt.

So war es so, dass ein „Hindernis“ auftauchte und aus dem Weg geräumt wurde, dann das nächste auftauchte, was auch wieder aus dem Weg geräumt wurde, und so weiter.

Unwissenheit erlaubt Mut und Unwissenheit erlaubt Träume. Und Sie brauchen Mut, um Träume zu verwirklichen, und Träume, um Mut zu entwickeln. (Jan Göritz)

Trauen sich Menschen, die zu viel über Risiken, Konkurrenz und Quoten von Selbstständigen, die wieder aufgeben, sich nun weniger, sich selbstständig zu machen?

Unterm Strich hängt es natürlich hauptsächlich davon ab, wie mutig jemand ist und wie sehr er von seinem Produkt oder seiner Dienstleistung überzeugt ist.

Aber Unwissenheit ist kein Risikofaktor.
Unwissenheit „erlaubt“:

  • Kreativität, weil es keine vorgegebenen Grenzen gibt
  • Mut, weil man nicht alle Gründe kennt, warum man scheitern könnte
  • Innovationen, weil man auch unkonventionelle Lösungen sucht
  • Schnelles Handeln, weil man nicht gelähmt ist von der Frage „Was, wenn es nicht funktioniert?“

Manchmal entstehen große Durchbrüche genau dann, wenn Menschen einfach anfangen, einfach losgehen.

Planung oder Planungsfalle?

Ich bin überhaupt nicht gegen Planung. Im Gegenteil: gerade als Selbstständiger sind Planung und Struktur elementare Stützpfeiler.

Aber es gibt einen Unterschied zwischen sinnvoller Planung und der Planungsfalle:
Sinnvolle Planung schafft meiner Meinung nach einen Rahmen, der aber noch Raum für Spontanität und Improvisation lässt.

In der Planungsfalle sitzt man, wenn die Struktur so eng getaktet ist, dass sie einem die Luft zum Atmen nimmt.

Wir überschätzen, was wir in einem Jahr erreichen können, und unterschätzen, was wir in zehn Jahren erreichen können. (Bill Gates zugeschrieben)

Manchmal ist es ein schmaler Grat zwischen Planung und Kontrollsucht. Möglicherweise ist ein Indiz dafür, dass Kontrollsucht vorliegt, wenn man bemerkt, dass man dogmatisch an jedem Planungsschritt festhält und keine Abweichung zulässt.

Vielleicht kann man sagen, dass Kontrollsucht eine Form von Perfektionismus ist und Perfektionismus wiederum Angst im Business-Outfit.

Was passiert in der Planungsfalle?

  1. Die innere Anspannung wächst: Unser Gehirn findet immer Schwachstellen im Plan, die noch nachgebessert werden müssen.
  2. Man verliert die Präsenz: Wir sind nur noch im Kopf dabei, den Plan zu überdenken und zu verbessern. „Hier“ und „Jetzt“ werden zu Fremdwörtern.
  3. Eigene Wünsche werden aufgeschoben: Dafür ist immer noch Zeit, erst muss der Plan perfektioniert werden.
  4. Die Authentizität leidet: Wir können nicht gleichzeitig „dem Plan“ und unserem inneren Kompass folgen.
  5. Die beste Zeit zum Starten ist immer gestern, doch wenn wir planen, werden wir auch übermorgen noch nicht starten.

Raus aus der Planungsfalle

Planungsfalle klingt vielleicht im ersten Moment danach, als gebe es keinen Ausweg. Doch das ist eine Fehlannahme, es gibt einen Weg. Doch da kommt es ein bisschen auf Ihre Achtsamkeit und Disziplin an:

  1. Bauen Sie offene Zeit ein: Trauen Sie sich, nicht die ganze Woche zu verplanen. Lassen Sie einen Abend oder einen Tag am Wochenende zur spontanen Verfügung. Das trainiert zum einen Ihre Improvisationsfähigkeit, zum anderen werden Sie möglicherweise mit unangenehmen Gefühlen konfrontiert.Versuchen Sie, die auszuhalten. Sie werden davon nicht aus der Bahn geworfen!
  2. Ein Plan ist ein Rahmen, kein Protokoll. Ein Plan ist kein Puzzle, bei dem das Motiv feststeht und das man „nur noch“ nachpuzzeln muss. Ein Plan ist eher ein Puzzle mit unbekanntem Motiv und Blankoteilen, zum selbst bemalen. Man kann die Ecken und den Rahmen legen, dann zählen Vertrauen und Improvisation.
  3. Benennen Sie Ihr Kontrollbedürfnis. Vielleicht ist das der wichtigste Punkt: Fragen Sie sich: „Warum genau brauche ich diesen Plan? Welche Angst steckt dahinter?“ Oft ist es die Angst vor Ablehnung, vor dem Scheitern oder die Angst, nicht gut genug zu sein. Versuchen Sie, es zu benennen, und Sie werden feststellen, dass der Planungsdrang abnimmt.
  4. Man kann auch mit Unwissenheit starten. Weder die erste Version von irgendetwas noch die ersten Schritte auf einem neuen Weg werden, geschweige denn müssen, perfekt sein. Perfektion ist ohnehin bestenfalls eine Orientierungshilfe.Ein Seefahrer erreicht die Sterne, an denen er sich orientiert, ja auch nicht. Aber er kommt da an, wo er landen möchte. Denken Sie an das Zitat des einen Gründers von Fritz Kola: Unwissenheit erlaubt Mut und Unwissenheit erlaubt Träume. Und Sie brauchen Mut, um Träume zu verwirklichen, und Träume, um Mut zu entwickeln.

Es ist nicht genug zu wissen, man muss auch anwenden. Es ist nicht genug zu wollen, man muss auch tun. (Johann Wolfgang von Goethe)

Der beste Moment zum Starten war gestern. Der Zweitbeste ist jetzt!

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FAQ

Die Planungsfalle ist die Verwechslung von Vorbereitung mit Vermeidung. Sie fühlt sich vernünftig an. Wer will schon unvorbereitet starten? Aber irgendwann ist Planen nicht mehr Vorbereitung, sondern Aufschub mit gutem Gewissen.

Man landet in der Falle, weil sie sich nicht wie eine Falle anfühlt. Sie fühlt sich nach Verantwortung an.

Planung ist sinnvoll. Aber nur als Rahmen. Sie wird zum Problem, wenn sie zum Dogma wird: wenn kein Ergebnis gut genug ist, um anzufangen, wenn jede Abweichung Panik auslöst, wenn der Plan wichtiger wird als das Ziel dahinter.

Der Unterschied liegt nicht im Plan selbst, sondern in der Frage: Dient der Plan mir oder diene ich dem Plan?

Eine ehrliche Frage hilft: „Wenn ich jetzt alles wüsste, was ich wissen will,- würde ich dann wirklich anfangen?“ Wer zögert, hat die Antwort schon. Oft ist das Mehr-Wissen-Wollen kein Informationsproblem, sondern ein Mut-Problem.

Zuerst: das Benennen. Die Planungsfalle verliert Macht, sobald man sie erkennt. Dann: klein anfangen. Nicht mit dem perfekten Start, sondern mit dem nächsten möglichen Schritt. Frau Schmidt, von der ich im Artikel erzähle, hat nicht mit der perfekten Praxiseröffnung begonnen. Sie hat erst einmal das WingWave-Vorhaben fallen lassen und den ersten Schritt getan. Das reicht.


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