Die Taube und der Daddelautomat – Welcher Bindungstyp sind Sie?
Veröffentlicht am: 28.09.2026 von Jan Göritz
Veröffentlicht am: 28.09.2026 von Jan Göritz
Im ersten Teil haben wir gesehen, wie intermittierende Verstärkung funktioniert: Unberechenbare Belohnungen erzeugen stärkeres Verhalten als verlässliche. Daddelautomaten, Social-Media-Apps, und manchmal auch Partner, nutzen genau diesen Mechanismus. Was ich dort offengelassen habe, ist die Frage, warum manche Menschen so viel anfälliger dafür sind, als andere? Die Antwort heißt Bindungstyp, und der hat seinen Ursprung in unserer frühen Kindheit.
Der britische Kinderarzt und Psychiater John Bowlby hat in den 1950er Jahren beschrieben, dass Menschen, wie alle Säugetiere, ein fundamentales Bindungssystem haben.
Hierbei geht es ums nackte Überleben, denn ein Kind, das eine verlässliche Bezugsperson hat, überlebt. Ein Kind, das alleine ist, eher nicht.
Unser Handeln sei getragen von dem stets lebendigen Bewusstsein, dass die Menschen in ihrem Denken, Fühlen und Tun nicht frei sind, sondern ebenso kausal gebunden wie die Gestirne in ihren Bewegungen. (Albert Einstein)
Wenn wir erwachsen werden, bleibt das System bestehen, aber das Objekt unserer Bindung verlagert sich. Meist sind es dann nicht mehr die eigenen Eltern, sondern enge Freunde und Partner. Vor allem Partner.
Aber es funktioniert immer noch nach denselben Regeln, die wir früher mal gelernt haben.
Die amerikanische Entwicklungspsychologin Mary Ainsworth hat in den 1970er Jahren verschiedene Bindungsmuster beobachtet und beschrieben. Was sie damals bei Kleinkindern sah, lässt sich auch besonders gut in Liebesbeziehungen erwachsener Menschen beobachten. Die Mechanismen und das Verhalten sind nahezu identisch.
Menschen mit einem ängstlichen Bindungsstil haben früh gelernt: Nähe ist möglich, aber nicht verlässlich. Die Bezugsperson war manchmal da, manchmal nicht. Manchmal warm, manchmal abgelenkt. Das Kind hat darauf wie Skinners Taube reagiert: Es hat sozusagen mehr gedrückt. Es ist lauter und klammernder geworden.
Als erwachsener ängstlicher Bindungstyp sind wir in einer erhöhten Alarmbereitschaft, sobald etwas auch nur nach Distanz riecht. Das kann eine „zu kurze“ Antwort per Messenger sein, oder der Partner muss kurzfristig noch länger arbeiten.
Jene, die ohne Grund sich zusammentun, trennen sich auch wieder ohne Grund. (Dschuang Dsi)
Das Nervensystem ist darauf trainiert, in solchen Fällen das Bindungssystem sofort hochzufahren.
Das beruhigt sich erst, wenn wieder „alles gut“ ist. Der Partner ist wieder da, die Nähe ist wiederhergestellt, das innere Kind fühlt sich wieder sicher.
Und deshalb ist ein eher unberechenbarer Partner für einen ängstlich gebundenen Menschen so schwer loszulassen: weil er manchmal viel gibt. Dass das nur in 10 oder 20 Prozent der Zeit passiert – völlig egal. Gerade, weil sie so selten sind, sind die guten Momente so unglaublich wertvoll.
Am anderen Ende der Skala sitzt der vermeidende Bindungstyp. Auch er hat frühe Erfahrungen gemacht und die Ergebnisse verinnerlicht.
Als Kind hat er gelernt, dass seine Bedürfnisse nach Schutz und Geborgenheit ignoriert oder sogar zurückgewiesen werden. Häufig von emotional überforderten Eltern, die das Kind auf Distanz halten mussten, um ihrer eigenen Überforderung Herr zu werden.
Der vermeidende Bindungstyp hat Selbstständigkeit als Strategie entwickelt.
Als Erwachsener wirkt der vermeidende Bindungstyp häufig unabhängig und selbstständig.
In einer Beziehung kühlt er häufig ab, sobald die Beziehung enger wird.
„Ich brauche etwas Raum für mich“ ist ein für diesen Bindungstyp klassischer Satz.
Aus einer schlechten Verbindung kann man sich schwerer lösen als aus einer guten. (Withney Houston)
Besonders sichtbar wird das nach Momenten intensiver Nähe. Was der Partner vielleicht als plötzlichen Kälteschauer erlebt, ist für den Vermeider ein emotionaler Kater: zu viele Gefühle auf einmal, die er nicht verarbeiten kann. Der einzige Weg, sich zu regulieren, ist Distanz.
Ungeplant wird der vermeidende Bindungstyp nun selbst zum Automaten, der die Belohnung willkürlich vergibt: Mal ist er da, mal fühlt es sich an, als wäre er hinter Plexiglas. Wir können ihn sehen und hören, aber wir können ihn nicht fühlen.
Der Partner – häufig ein ängstlicher Bindungstyp – wird jetzt zur Taube, die in Erwartung von Futter gnadenlos am Hebel hängt.
Hier haben wir den Fall, dass dieser Mensch halb Taube und halb Automat ist.
Es ist der ängstlich-vermeidende oder auch desorganisierte Bindungstyp.
Dieser Mensch versucht, das Paradoxon aus „gib mir Nähe“ und „geh weg, ich brauche Freiraum“ zu leben.
Er sehnt sich nach dem, vor dem er eine tief sitzende Angst hat: echte Verbindung.
Möglicherweise war in seiner Kindheit die zentrale Bezugsperson sowohl eine Quelle für Schutz und Nähe als auch eine Quelle für Angst oder sogar Bedrohung.
Nicht selten erlitten die Betroffenen schwere Vernachlässigung oder sonstigen Missbrauch.
Schon mancher akzeptiert die Kette in dem Glauben, an ihrem Ende befinde sich der Rettungsanker. (Wieslaw Brudzinski)
Das Nervensystem des Kindes war jedenfalls im permanenten Stresszustand, da es nie wissen konnte, ob die Mutter beziehungsweise der Vater gerade Schutz oder Gefahr darstellen.
Als erwachsener Mensch befindet er sich in einer permanenten Oszillation zwischen Nähe und Abstand und bietet so für den Partner die perfekte Ausprägung intermittierender Verstärkung.
Sollte der Partner sich zurückziehen, dann ist er aber sofort wieder präsent, bis es ihm erneut unheimlich wird und er sich seinerseits zurückzieht.
Das Dilemma vom desorganisierten Bindungstyp ist, dass er sein Futter bekommt, wenn er den Hebel drückt, aber er dagegen allergisch ist.
Dutton und Painter haben etwas Bemerkenswertes herausgefunden: Bei Frauen, die Missbrauchsbeziehungen verlassen hatten, war die Bindung an den ehemaligen Partner stärker, je unberechenbarer der Missbrauch gewesen war.
Das klingt paradox, ist es aber nicht.
Für unser Gehirn sind seltene und unerwartete Belohnungen herausragender als vorhersehbare oder regelmäßige Belohnungen.
Die Momente, in denen es mit dem Partner wirklich schön war, wo eine echte, warme Nähe spürbar war, brennen sich tiefer ein.
„Es geht doch“, „Er hat ja doch ein Herz“ und der Killer „Beim nächsten Mal wird es wieder so schön“ sind genau die Sätze, die uns zum Festhalten verleiten.
„Warum verlässt du ihn nicht?“ Viele Menschen in einer solchen Beziehung bekommen diese Frage von Freunden und Verwandten gestellt.
Aber sie können sie nicht beantworten, weil es keinen rationalen Grund zum Bleiben gibt. Unser System hält am besten Punkt, den es in der Beziehung gab, fest und sagt: „Das klappt auch nochmal.“
Sich wirklich annehmend in die Welt eines anderen zu begeben, schafft eine ganz besondere Bindung, die meiner Erfahrung nach nicht ihresgleichen hat. (Carl Rogers)
Bei mir in der Praxis kam mal eine Klientin zum Vorgespräch, die augenscheinlich am Rande ihrer Kraft war. Sie erzählte von ihrer Beziehung und wie schlecht ihr Partner sie behandelte.
Zwischendrin gab es immer Momente, in denen ein regelrechter Ruck durch sie ging und sie sagte: „Vielleicht muss ich mich nur noch mehr anstrengen…“
In späteren Gesprächen wurde dann klar, dass diese Klientin schon früh gelernt hat, dass Liebe nichts Verlässliches ist und man sie sich erarbeiten beziehungsweise verdienen muss.
Also genau das, was sie in dieser Beziehung erlebt hat.
Wir suchen also nicht das, was uns gut tut, sondern das, was wir kennen. Und in dieser Verwechslung steckt häufig die Grundlage für das folgende Drama.
Auch ich kenne die Position der Taube, nicht nur aus der Praxis. Auch ich kenne das Warten auf den nächsten guten Moment, die nächste Belohnung. Auch ich kenne den Frust, der sich mit der Zeit unterschwellig aufbaut.
Und selbst heute, wo ich um die inneren Mechanismen weiß, fällt es mir manchmal schwer, dem Hebel zu widerstehen. Ich kenne dieses innere Ringen, das sich anfühlt, als würde mich eine ganze Horde Kinder bedrängen, Eis zu kaufen.
Aber ich weiß auch, dass es sich lohnt, dem Hebel zu widerstehen. Auch, oder besonders, wenn es sich wirklich schwer anfühlt.
Im Gegensatz zur Taube können wir erkennen und bewusst entscheiden.
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Bindungsstile sind Muster, die wir früh in der Kindheit entwickeln. Immer als Antwort auf die Frage: „Kann ich mich auf meine Bezugsperson verlassen?“ Je nachdem, was wir damals erlebt haben, entwickeln wir einen sicheren, ängstlichen, vermeidenden oder desorganisierten Bindungsstil. Diese Muster sind nicht bewusst gewählt, sie sind Überlebensstrategien. Und sie bleiben, oft weit ins Erwachsenenleben hinein.
Ja, aber nicht durch Willensentschluss. Bindungsstile verändern sich durch neue, korrigierende Beziehungserfahrungen: in der Therapie, in tiefen Freundschaften, in Partnerschaften mit sicher gebundenen Menschen. Das braucht Zeit. Und es braucht zuerst das Bewusstsein darüber, welches Muster überhaupt aktiv ist. Und genau das ist der erste Schritt.
Beobachten Sie, wie er oder sie mit Nähe umgeht, wenn die Beziehung intensiver wird. Zieht er sich zurück? Das ist eher vermeidend. Klammert sie sich stärker? Eher ängstlich. Wechselt er zwischen beidem, ohne erkennbares Muster? Das könnte desorganisiert sein. In meinen Augen ist wichtig, dass kein Bindungsstil besser ist. Alle haben sich in einer Zeit gebildet, in der wir unseren Bezugspersonen hilflos ausgeliefert waren. Und alle sind veränderbar.
Weil unser Gehirn nicht an der schlechtesten Version der Beziehung festhält, sondern an der besten. Es erinnert sich an die Momente echter Nähe und sagt: „Das kann wieder kommen.“ Dutton und Painter haben nachgewiesen, dass gerade die Unberechenbarkeit die Bindung intensiviert. Das ist keine Schwäche. Das ist Biochemie mit einer Prise von dem, was wir in frühester Kindheit über Liebe und Verlässlichkeit gelernt haben.