Angst-Kartoffel oder Angst-Ei?

Angst - Jan Göritz - Heilpraktiker für Psychotherapie und Psychologischer Berater in Hamburg
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Angst-Kartoffel oder Angst-Ei?

Folgende kleine Geschichte habe ich einmal in einem Seminar gehört.
Es ging darum, dass ein Kursteilnehmer fragte, was er tun solle: er habe nun mal diese Ängste und die würden sich nicht vertreiben lassen. Es ging damals darum ob er sich selbstständig machen sollte oder nicht. Der Seminarleiter sagte: „weißt du, die Frage ist, ob du ein Ei bist oder eine Kartoffel…“.

Die ganze Runde schaute erstaunt oder fragend und der Seminarleiter klärte uns nach einer kleinen Pause auf, was er damit meinte: „Ängste sind Ängste, die gibt es einfach, da gibt es nichts zu diskutieren. Und wenn Angst da ist, dann ist sie da, daran gibt es nichts zu verändern. Die Frage ist aber, wie wir auf sie reagieren. Und wenn ihr euch jetzt vorstellt, dass die Angst kochendes Wasser ist, dann wird euch auch klar, warum ich das Ei und die Kartoffel ins Spiel gebracht habe, oder?“ Und die ersten Leute begannen, verstehend zu nicken.

„Ihr müsst es gar nicht ausprobieren, ihr wisst es auch so: Ei und Kartoffel reagieren völlig unterschiedlich auf das kochende Wasser: das Ei wird hart und die Kartoffel wird weich.“ Wie willst du denn nun auf deine Angst reagieren?“ sprach er wieder den Kursteilnehmer an. „Willst du dich wirklich weichkochen lassen? Oder machten dich deine Ängste nur härter?“

Es folgte eine kurze Diskussion darüber, ob es denn wirklich erstrebenswert sei, hart zu werden. Wir haben uns dann schließlich darauf geeinigt, dass „hart“ nicht im klassischen Sinne hart, also so lieblos, unempathisch, brutal oder herzlos bedeutet (das alles waren in dem Moment Assoziationen zu „hart“, die aus der Gruppe kamen), sondern hart im Sinne von: konsequent, nicht leicht zu verletzen, durchsetzungsfähig (gegen die Angst) und mutig.

Angst, Mut und Trotz

Wir gewinnen an Zutrauen in uns selbst, lassen uns weniger leicht ins Bockshorn jagen, sind entscheidungsfreudiger, glücklicher und führen unterm Strich ein deutlich selbstbestimmteres Leben.

Ich persönlich denke, dass Angst zum Leben gehört, wie jedes andere Gefühl auch. Wir hingegen haben es in der Hand, wie viel glauben wir unseren angstvollen Gedanken schenken beziehungsweise wie viel Aufmerksamkeit unser Mut bekommt und wie sehr wir die Kraft des Wortes „trotzdem“ zu nutzen wissen.

Machen Sie sich eins klar: wir Menschen reagieren überproportional stark auf beängstigende Situationen – und die müssen noch nicht einmal real sein. Das hat entwicklungsgeschichtliche Gründe, die ursprünglich unser Überleben sichern sollten.

Heutzutage aber, zumindest hier in der westlichen Welt, gibt es kaum noch reale Gründe, auf die wir mit Angst reagieren müssten. Die meisten Probleme sind bei genauerer Betrachtung irgendwie händelbar. „händelbar“ bedeutet übrigens nicht, leicht lösbar. Eine lange Arbeitslosigkeit, eine Privatinsolvenz, ein Pflegefall in der Familie, das sind alles schwere, kräftezehrend und herausfordernde Situationen, die vermutlich jeder gerne vermeiden möchte. Aber, und das ist das Wichtige, sie sind in der Regel lösbar. Wir benötigen jedoch einen kühlen Kopf und einen klaren Verstand, um in solchen Momenten Lösungen zu finden. Angst hingegen verwandelt uns häufig in kopflose Hühner, die unstrukturiert herumflattern.

Wahrheit oder Hirngespinst?

Überprüfen Sie also jeden Gedanken, der das Potenzial besitzt, sie in die Angst abdriften zu lassen auf seinen Wahrheitsgehalt. „Ist das wirklich wahr?“ Ist eine Frage, mit der sie sehr schnell Klarheit erlangen können. Denn in den meisten fällen lautet die Antwort „nein “. Einige unserer Gedanken sehen dieses „Nein“ zwar noch als Diskussionsgrundlage an und platzieren ihre zumeist mit „aber was ist, wenn…“ beginnenden Befürchtungen.
Es ist dann ein bisschen wie bei Odysseus mit den Sirenen: wenn wir den Sirenen beziehungsweise den angstvollen Gedanken Aufmerksamkeit schenken, erleiden wir Schiffbruch.
Odysseus und seine Mannschaft haben sich damals die Ohren versiegelt, um den Gesang der Sirenen nicht hören zu müssen.

Das hilft natürlich gegen Angst-Gedanken nicht. Machen Sie sich bewusst, dass sie eine Mahlzeit, die ihnen nicht gut bekommt, auch nicht zu Ende essen, nur weil sie gerade dabei sind.
Genauso ist es mit Angst vor den Gedanken: Sie bekommen uns nachhaltig schlecht und können uns regelrecht krank machen.

Frühzeitig konsequent Grenzen setzen

Beginnen Sie also lieber zu früh als zu spät, den Ängsten den Zutritt zu ihren Gedanken zu verbieten beziehungsweise wenn sie merken, dass Ihnen ihre Gedanken – Menü nicht bekommt, dann lassen Sie es zurückgehen.

Wenn Ängste nämlich erst einmal Wurzeln geschlagen haben und wachsen konnten, dann kann es passieren, dass jemand beispielsweise Angst hat, körperlich ernsthaft erkrankt zu sein, sich daraufhin bei verschiedenen Ärzten durchchecken lasst. Und nachdem die Ärzte nichts gefunden haben, bringen Ihre Ängste Sie dazu, die Kompetenz der Ärzte anzuzweifeln, um nicht den Ast abzusägen auf dem sie sitzen.

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Foto: © Firma V / adobe

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#Angst-Kartoffel oder Angst-Ei?  #psychotHHerapie via @psychothherapie
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