Sich aufregen

Teilen:

Sich aufregen

  • „Hast du schon gehört, was Klaus-Peter wieder gemacht hat?“
  • „Das kann ja wohl nicht wahr sein!“,
  • „Was bilden die (da oben) sich eigentlich ein?“,
  • „Der hat seinen Führerschein wohl im Lotto gewonnen!“,
  • „Die wollen ja sowieso nur mein Geld.“

Diese kleine Auswahl exemplarischer Sätze zum Thema Aufregen hat wahrscheinlich jeder schon einmal gehört.
Und? Hat es die Person, die sich in dem Moment aufgeregt hat in irgendeiner Form weitergebracht? Höchstwahrscheinlich nicht.

Warum regen wir uns überhaupt auf?

Ich habe manchmal den Eindruck, dass das „sich aufregen“ eine Kompensation darstellt. Ein Mensch, der sich aufregt, wirkt dadurch vielleicht einem Gefühl von Kleinheit und Hilflosigkeit entgegen, das gerade in ihm ausgelöst worden ist. Man kann vielleicht sagen, dass da gerade jemand in seinen kindlichen Modus gefallen ist und möchte wieder groß und souverän sein.
Leider kann man im kindlichen Modus aber nur auf kindliche Mittel zurückgreifen:

    • bockig sein
    • verletzend sein
    • wütend sein
    • sich verweigern
    • sich aufregen

Leider alles keine Methoden, um das Gefühl zurück zu erlangen, ein erwachsener Mensch zu sein. Genau genommen dreht man sich so immer weiter ins kindliche Ich hinein, was die Situation in der Regel noch verschärft.

Warum ist das so?

Nach meiner Beobachtung treffen oben genannte Verhaltensweisen und Kompensationsmethoden vor allem auf Menschen zu, die mit ihrem Inneren keinen guten Kontakt haben. Ihnen ist häufig nicht bewusst, was sich auf ihrer Gefühlsebene abspielt. Sie funktionieren in erster Linie. Sie verhalten sich so, wie sie vermuten, dass es von ihnen erwartet wird.
Menschen wirken in solchen Momenten häufig wie Kinder im Körper eines Erwachsenen.
Natürlich ist das etwas, was man sich nicht aussucht. Meistens handelt es sich hier um Menschen, die ein sehr restriktives Elternhaus hatten. Sie mussten also schon früh lernen, zu funktionieren und hatten keinen Raum, um sich selber kennen zu lernen. Sie konnten also den in ihnen angelegten Samen nicht pflegen und wachsen lassen, weil sie mit funktionieren beschäftigt waren.
So sind sie zwar körperlich gewachsen und älter geworden, das Samenkorn der eigenen Persönlichkeit wartet immer noch darauf, zu keimen.
Glücklicherweise wird dieser Samen nicht schlecht, sondern wartet geduldig auf Regen, wie die Blumensamen in der Wüste. Regen in Form von Ruhe und in Form von Raum für sich. Zwei Zustände die ein funktionierender Mensch häufig gar nicht kennt und die ihm manchmal regelrecht unheimlich sind.
Doch wenn der Keimling einmal wächst, dann lässt er sich nur noch sehr schwer mehr stoppen.

Erwachsene Menschen regen sich nicht auf

Stimmt das? Regen sich erwachsene Menschen wirklich nicht auf?
Wahrscheinlich stimmt das nicht zu 100 Prozent. Aber: erwachsene Menschen beißen sich am Aufregen nicht fest. Erwachsene Menschen erkennen, ob sie aktiv etwas an der Situation verändern können oder nicht. Und wenn sie etwas tun können, dann machen sie es in der Regel auch.
Falls sie nichts tun können, dann wissen Sie aber, dass es auch nichts in ihrem Sinne verändert, wenn sie sich aufregen. Möglicherweise schalten sie dann auf Gleichmut um und warten, bis die Situation vorüber ist.

Aufregen, abregen und bei sich bleiben

Wenn sie solche Situationen kennen und sich möglicherweise hinterher ärgern, dass sie schon wieder nicht souverän geblieben sind, dann können Sie auf jeden Fall zwei Dinge tun:

  1. Auch wenn es unangenehm ist: spielen Sie die Situation, in der Sie sich aufgeregt haben, gedanklich so lange durch, bis Sie sich ein Verhalten erarbeitet haben, mit dem Sie zufrieden gewesen wären. Das ändert zwar die vergangene Situation nicht mehr, aber sie haben Ihr Verhaltensspektrum für die nächste Situation dieser Art erweitert.

  2. Wenn wir uns aufregen, geht es häufig sehr schnell, dass eine Klappe fällt, die unseren Verstand aussperrt und es wir vom Gefühl beherrscht werden. Wir sind von jetzt auf gleich wie das Kind, das im Supermarkt keine Süßigkeit bekommt – Wut pur.
    Aber bei genauerer Betrachtung gibt es schon vor dem Moment, an dem wir mit dem Aufregen beginnen, Anzeichen dafür, dass es innerlich in die falsche Richtung geht:
      • der innere Druck steigt
      • wir ballen die Hände zu Fäusten
      • wir ziehen die Schultern hoch
      • es fällt uns schwer, einen klaren Gedanken zu fassen

    Wenn wir es schaffen, uns diesbezüglich zu sensibilisieren und unsere individuellen Anzeichen von Anspannung zu identifizieren, dann können wir rechtzeitig die Reißleine ziehen. Entweder wir trauen uns, rechtzeitig anzusprechen, was uns stört oder wir können zumindest die Situation verlassen und uns ein wenig runterkühlen. 

     

Aufregen - Jan Göritz - Heilpraktiker für Psychotherapie und Psychologischer Berater in Hamburg
Foto: © Charles T. Peden / shutterstock

Verwandte Artikel

Copy link
Powered by Social Snap