Gefühl und Erinnerung (Teil 1 – Schmerz)

Wo kommt das Gefühl her?

„Aua! Verdammter Hammer!“ Ein Gefühl des Schmerzes zieht von der Spitze des Daumens bis in die tiefsten Eingeweide.
Eine schmerzhafte Situation, die vermutlich viele Menschen kennen.
Und sie zeigt sehr gut, innerhalb welchen kleinen Zeithorizonts wir Reiz und daraus resultierendes Gefühl eindeutig zuordnen können.
Schon, wenn der Orthopäde fragt, was wir in den letzten drei Monaten gemacht haben, dass uns jetzt das Knie so wehtut, geht unser Erinnerungsvermögen stark in die Knie.
Wie sieht es denn dann mit Ereignissen aus, die Jahre oder Jahrzehnte zurückliegen?
„Warum bin ich denn so traurig ? Es ist doch gar nichts schlimmes passiert.“
Solche und ähnliche Sätze begegnen mir fast täglich in meiner Arbeit.


Und ja: es ist heute nichts schlimmes passiert und es ist gestern nichts schlimmes passiert.
Was wir in solchen Momenten spüren ist, als würde uns heute der Daumen weh tun, weil wir uns vor 20 Jahren mit dem Hammer darauf geschlagen hätten.
Wir würden uns fragen: „Wieso tut mein Daumen weh, als hätte ich mehr mit dem Hammer drauf gehauen? Ich habe doch seit Wochen keinen Hammer mehr in der Hand gehabt.“
Egal, welches Gefühl sich bei uns bemerkbar macht: das einzige, was wir tun können, ist es anzunehmen.
Es wird eine Ursache für dieses Gefühl geben, auch wenn wir sie im Moment nicht finden können.

Falsche Zusammenhänge

Wenn wir nach einer Ursache suchen, dann werden wir zwangsläufig in einem zu engen zeitlichen Rahmen suchen. Es fällt uns einfach schwer, einen jetzt wahrgenommene Schmerz mit Ereignissen in Verbindung zu bringen, die Jahre oder Jahrzehnte zurückliegen.
Wir Menschen neigen dazu, unser Leben logisch und in Kausalzusammenhängen zu betrachten.
Dieser Hang zur Kausalität führt uns allerdings, allzu oft in die Irre.
Besonders bei Gefühlen wie Wut , Traurigkeit oder Angst.

In den allermeisten Fällen können wir eigentlich nur sagen: „ich bin wütend.“
Da wir jedoch Ursachenforscher sind, suchen wir uns allzu oft einen naheliegenden, aber falschen Grund, weswegen wir wütend, ängstlich oder traurig sind. Wir zählen häufig 1 und 1 zusammen, ohne darauf zu achten, dass unsere Rechnung gar nicht 2 ergibt.
Voreilig behaupten wir, dass dieser Mensch oder jenes Ereignis uns traurig oder wütend gemacht hat.
Doch ich beobachte in meinen Sitzungen immer wieder, dass unser aktuell als unangenehm oder anstrengend empfundenes Gefühl seinen Ursprung in der Vergangenheit hat und durch aktuelle Erlebnisse, Situationen oder Menschen lediglich erneut angesprochen wird.


Beispiel 1:

Eine Klientin berichtet im Vorgespräch, dass sie sich in einer Zwickmühle befindet. Eigentlich hat sie einen Job, der ihr sehr gut gefällt und arbeitet mit netten Kollegen zusammen.
Aber ihr Chef hat eine Art am Leib, die sie regelmäßig zur Weißglut bringt. Auf mein Nachfragen kommt heraus, dass es sich um kein spezielles Verhalten handelt, das sie wütend macht. „Es ist einfach seine Art…“ ist das konkreteste, was sie im ersten Gespräch dazu sagen kann.
In weiteren Sitzungen kam heraus, dass ihr Chef einige Führungsqualitäten vermissen lässt.
Das hat bei ihr ein Gefühl aus der Kindheit wachgerufen.
Sie ist nämlich mit einer Mutter aufgewachsen, die ihren eigenen Kindern Glück und Freude missgönnt hat.

So wurden die Kinder willkürlich und grundlos bestraft. Während andere Kinder sich am Wochenende mit ihren Freunden treffen konnten, mussten sie beispielsweise das Bad so lange putzen, bis die Mutter es für gut befunden hat. Nach Aussage der Klientin konnten so ganze Nachmittage ins Land gehen.
Der Vater hat sich immer raus gehalten. Weder hat er seiner Frau die Meinung gesagt, noch hat er Mitgefühl mit den Kindern gezeigt.

So löste das führungsschwache Verhalten ihres Chefs die Wut aus, die sie in ihrer Kindheit auf ihren Vater entwickelt hat, aber nicht ausleben konnte, weil sie wusste, dass das Zeigen von Gefühlen direkt die nächste Bestrafung nach sich zieht
Nachdem wir den kindlichen Anteil der Klientin die Möglichkeit gegeben haben, seinen Gefühle bezüglich des schwachen Vaters Raum zu geben, hat sich die Arbeitssituation der Klientin spürbar verbessert.

Beispiel 2:

Ein Klient meldete sich und berichtete von Problemen in der Partnerschaft.
Wie im ersten Bespiel sei auch die Beziehung eigentlich gut und liebevoll, aber es würde ihn „zu Tode nerven, dass meine Frau mir nichts zutraut,“.
Auf mein Nachfragen, was „nichts zutraut“ genau bedeutet, erzählt er mir von Situationen, in denen seine Frau bei anstehenden Entscheidungen lediglich noch neue Aspekte und andere Perspektiven ins Spiel bringt.
Ich kann auf den ersten Blick keine Übergriffigkeit erkennen und frage in den folgenden Sitzungen weiter nach, aus welchen Situationen er dieses Gefühl noch kennt.

Er erzählt mir von seiner dominanten Mutter, die ihm nicht nur alles abgenommen hat, sondern ihn aus Angst auch aktiv in seinem Entdeckerdrang gebremst hat, so dass er seiner natürlichen Entwicklung nur schwer folgen konnte.
Als Erwachsener hat er sich diesen Entdeckerdrang und sein Autonomiegefühl wieder zurück erobert und reagiert sehr sensibel auf potentielle Gefahr, diese wieder zu verlieren.

Auch hier haben wir mit dem kindlichen Anteil gearbeitet und ihm die Möglichkeit des inneren Dialogs nahegebracht. Nun kann der kindliche Anteil sich mit dem Erwachsenen abstimmen, ob wirklich Gefahr droht oder die Absicht seiner Frau ausschließlich positiv ist.
Das alleine hat die Situation zwischen ihm und seiner Frau schon spürbar verbessert.

Teil 2 finden Sie hier.

Gefühl und Erinnerung - Jan Göritz - Heilpraktiker für Psychotherapie, Psychologischer Berater, Psychotherapeut (HeilprG) in Hamburg
Foto: © Stanislau_V / Adobe Stock

Verwandte Artikel

Facebook
Twitter
LinkedIn