1, 2, 3 – und Schuld bist du!

Schuld - Jan Göritz - Heilpraktiker für Psychotherapie und Psychologischer Berater in Hamburg
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Schuld

Immer wieder sitzen mir Klienten gegenüber, die Schwierigkeiten damit haben, die Verantwortung für sich selbst und ihr Leben zu übernehmen.
Die Auswirkungen für den Klienten stellen sich meistens so dar, dass er sich von anderen abgelehnt, beziehungsweise nicht geliebt fühlt.

Bei genauerer Betrachtung fällt jedoch häufig auf, dass die vermeintliche Ablehnung der anderen nur eine Reaktion auf das Verhalten des Klienten ist. So ist es beispielsweise keine Seltenheit, dass sich ein Klient gemobbt fühlt, das vermeintliche mobben jedoch nur die Antwort auf das eigene passiv-aggressive Verhalten ist.
Durch die ständige Suche nach dem oder den Schuldigen ist der Betroffene aber unfähig zur Selbstreflektion. Stattdessen wird lieber nach einem Sündenbock gesucht, dem man die Schuld für alles mögliche zuschieben kann. Denn: wenn jemand anders daran Schuld ist, dass ich nicht glücklich bin, dann muss ich nichts verändern.

Das Problem, dass dabei auftritt ist, dass die Betroffenen vor lauter Fixierung auf den Sündenbock nicht erkennen, dass sie eigentlich selbst in der Lage sind, positive Veränderungen in ihrem Leben herbeizuführen.

Vorschläge oder Ideen von anderen, wie Wege zu einer positiven Veränderung aussehen können, werden aber so beharrlich mit mehr oder weniger vorgeschobenen Gründen abgeblockt.

Warum am Leid festhalten?

Mit Logik kann man diese Frage sicherlich nicht beantworten, denn da existiert keine Antwort.
Gefühle jedoch sind – wie schon häufiger in diesem Blog erwähnt – nicht logisch. Von der Gefühlsebene aus betrachtet lässt sich dieses Verhalten ganz anders einordnen:
Leid generiert Aufmerksamkeit“ ist ein Satz, dem man in diesem Kontext nicht genug Beachtung schenken kann.
Wer leidet hat häufig eine fast universale Begründung dafür, dass Dinge nicht so funktionieren oder das Leben nicht so verläuft, wie man es sich wünscht. „Es geht halt nicht, weil…“ und dann folgt der Grund:

  • man schon immer gemobbt wurde
  • der Partner einen verlassen hat
  • die Eltern einem nicht genug Liebe geschenkt haben
  • die Eltern sich getrennt haben
  • der Lehrer einen nicht mochte
  • der Chef einen einfach nicht befördern will, obwohl man es natürlich verdient hat
  • man als allein Erziehender einfach keinen Partner findet

Oder, oder, oder – die Liste lässt sich wahrscheinlich endlos fortsetzen und ist trotzdem nur eins: für die Tonne.
Denn eins ist klar: selbst wenn der ein oder andere Grund stimmen sollte, blockiert die Fixierung auf den Grund den Blick für die Lösung. Denn es wird niemand der oben aufgeführten Personen kommen und Ihnen aus der Situation helfen. Das können sie nur alleine bewerkstelligen und das ist das, was man Eigenverantwortung nennt.

Ich gehe davon aus, dass viele von uns mit einem gewissen Schmerz aus Kindheit und Jugend hervorgehen. Dafür, dass wir diesen Schmerz in uns tragen, können wir in der Regel nichts.

Wenn wir uns mit diesem Schmerz aber nicht auseinandersetzen, dann werden sich auf diesen “Ur-Schmerz” immer mehr Schmerzen ähnlicher Art stapeln. Nicht, weil wir Pechvögel sind oder unser Leben verflucht ist, sondern als permanente Aufforderung des Lebens, uns diesen “Ur–Schmerz” zu widmen und ihn zu be- und verarbeiten.
Darauf zu warten, dass jemand vorbei kommt, der uns rettet, bedeutet, dass wir in unserer Entwicklung zum eigenverantwortlichen erwachsenen Menschen stehen bleiben.

Raus aus der Schuld-Falle

Aber wie schaffen wir es, diese Opferrolle abzulegen und aus der Stagnation den Weg ins aktive Leben zu nehmen?
Der erste Schritt hierbei – und dabei ist es egal, ob man 15 oder 50 ist – ist, anzuerkennen, dass niemand – wirklich niemand – außer einem selbst das eigene Leben gestalten und positiv verändern kann.

Möglicherweise weiß man noch nicht, wie man das bewerkstelligen soll, aber das macht nichts. Man kann sich trotzdem zu seiner Eigenverantwortung bekennen.
Dieses Bekenntnis zu sich, zu seiner Verantwortung für sich selbst und zu seiner eigenen Kraft hat alleine schon häufig einen Effekt, als wenn einem die Scheuklappen abgenommen werden und man endlich wieder einen weiten und klaren Blick hat.

Das ist vergleichbar damit, eine Brille mit einer völlig verkehrten Dioptrien Zahl UND dunkel getönten Gläsern getragen zu haben und diese durch eine passende Brille ohne Tönung zu ersetzen. Plötzlich ist alles wieder klar erkennbar, es ist wieder hell und es ist wieder bunt.

Wie genau man dann sein Leben gestalten wird ist natürlich nicht vorhersehbar. Aber man wird:

  • Konflikte ansprechen, Wenn sie auftreten anstatt die andere Person auf passiv – aggressiven Art und Weise zu bestrafen (beispielsweise in dem man einfach den Kontakt abbricht)
  • konstruktive Entscheidungen treffen
  • den Mut haben, Dinge auszuprobieren
  • die Angst vor seinen eigenen Gefühlen überwinden, sie wahrnehmen, ernst nehmen und ausdrücken können
  • Wahrhaftige und tiefe Beziehungen zu anderen Menschen aufbauen und halten können
  • den Weg der Freude und Erfüllung einschlagen

Was, wenn Sie auf der anderen Seite stehen?

Wenn Sie diesen Artikel gelesen haben und denken, dass Sie Ihre Tochter, Ihren Vater, Ihren Kollegen oder Ihren Partner in diesem Artikel erkannt haben, dann könnten Sie sich fragen, wie sie sich verhalten sollten.

Das ist häufig ganz einfach:
Wenn sie festgestellt haben, dass Lösungsideen und Vorschläge konsequent abgelehnt werden, stattdessen aber eine dramatische Inszenierung auf die nächste folgt, dann können Sie nichts tun.
Bleiben Sie bei sich, versuchen Sie nicht, den anderen zu retten. Damit manifestieren Sie seine Opferrolle. Machen Sie sich bewusst, dass die vermeintlichen Dramen, die sich im Leben des anderen abspielen, nichts – wirklich gar nichts – mit ihnen zu tun haben. Gehen Sie nicht darauf ein, egal womit ihr gegenüber versucht, Ihnen Ihre Aufmerksamkeit abzupressen.

Es ist sein Drama und das darf es auch bleiben.
Irgendwann kommt vielleicht die Erkenntnis, der Gestalter des eigenen Lebens zu sein. Dann kann ein konstruktiver Kontakt theoretisch wieder stattfinden.

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